Goethes Lied von Leu und Liebe
NZZ, Phono, 1. 6. 2007

czz - Namenlos, nur unter dem puren Begriff ihrer Gattung eroberte sie die lesende Welt: Johann Wolfgang Goethes «Novelle» schreitet mit karger Knappheit einher, greift beiläufig in die Saiten der Motive, um diese leicht touchierten Töne dann jäh zur Dramatik zu jagen, wo Emotion und Erlösung in jauchzendem Rundgesang triumphieren. Die Geschichte vom Löwen, der – dem Käfig von Schaustellern entwichen – nun Land und Leute ängstigt, wäre schnell erzählt, hätte ihrem Autor nicht die Synthese von Natur und Kultur am Herzen gelegen sowie ein Plädoyer für die krisenbesiegende Kraft der Liebe. Nicht die Jäger sind’s, die mit Gewalt und Flintenfeuer Herr werden der Gefahr: Es ist ein Knabe – Söhnlein der Vaganten –, welcher mit der Melodie seiner Flöte den Leu lockt und zähmt. Die von Max Ophüls 1953 ins Werk gesetzte Radio-Dramatisierung gilt als Meisterwerk des Genres. Exzellente Sprecher (Käthe Gold als mädchenhafte Fürstin, Therese Giehse als radebrechende «Zigeunerin») und die musikalischen Vignetten des legendären SWF-Hörspielkomponisten Karl Sczuka arbeiten der Aufdröselung des originalen Prosastranges zu: «Aufgeblendete» Szenen mit Klängen und Dialogen wechseln mit dem epischen roten Faden eines im Vordergrund positionierten Erzählers. Oskar Werner brilliert in seinen unverwechselbaren Registern. Lächelnd-idyllischer Singsang, dramatisch monotones Stakkato sowie die selige Intonierung des hymnischen Liedes, welches – sei’s im Solo, sei’s im Chor – schliesslich reihum geht: «Löwen sollen Lämmer werden, / Und die Welle schwankt zurück. / Blankes Schwert erstarrt im Hiebe, / Glaub’ und Hoffnung sind erfüllt; / Wundertätig ist die Liebe, / Die sich im Gebet enthüllt.» Dass hier nur vordergründig ein «Locus amoenus» aus schönen Wörtern in den Äther gesendet wurde, beglaubigt Max Ophüls in einem dem Hörspiel dankenswerterweise beigegebenen Gespräch: In Krieg und Exil, ängstlich um das Wohl und Wehe der Freunde besorgt, sei die «Novelle» in der Erinnerung aufgestiegen und mit ihr Trost und Hoffnung.

Johann Wolfgang Goethe: Novelle, Hörspiel, Regie: Max Ophüls, 1 CD (56 Min.), SWF / SWR / Der Hörverlag 2007.

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