NZZ, 28. 2. 2007

czz - Dem Bewegten die Stille stellend, des Beiläufigen gewärtig: Auf Kollisionskurs mit den abgeklärten Zeitgeistern hat sich Peter Handke nie gescheut, in kritischen Momenten das Kapital seiner subjektiven Glaubwürdigkeit in die Waagschale zu werfen. Mit der Einspielung einer Lesung aus «Gestern unterwegs» - den rastlosen Routenbüchern der Jahre 1987 bis 1990 - ist jetzt ein eminentes Quellenwerk poetischer Weltverfassung zu vernehmen. Je mehr es den Dichter drängt, im Zuge seiner Verwunderungen und Wanderungen auf vier Kontinenten «von sich abzusehen», desto mehr ist er auf sein Selbst als Quelle, Mittel und Ziel der Hingebung an die Dinge angewiesen. Was im Buch sichtbar verbrieft und «gut zum Druck» erscheint, tritt uns im akustischen Medium der Autorenlesung viel unmittelbarer entgegen: Im Jetzt und Hier müssen sich die Sätze bewähren. Im Jetzt und Hier ereignet sich unser spontaner Zu- oder Widerspruch. Hier und heute spottet unsere Verführbarkeit durchs wohlklingende Sosein der Poesie den Vermessungen der Vernunft. Beim Hören - das weiss der Sprach-Klang-Arbeiter Handke nicht erst seit Marshall McLuhans Thesen - rücken wir den kindlichen Geschichtenlauschern und den archaischen Orientierungssuchern ein wenig näher, als dies dem Sach-Verstand des wägenden Lesens zunächst bequem ist. Handkes achtsam-sacht intonierte Notate haben das explosiv erhellende Potenzial, als eine Art «Tao der Wahrnehmung» abwechselnd Wellen von Wohlsein und Wut anzuregen.

Peter Handke liest: Gestern unterwegs. Aufzeichnungen November 1987 bis Juli 1990, 4 CDs (232 Min.), Hoffmann und Campe Audio 2006

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