In : NZZ , 4. 4. 2008

czz - Die für Volker Lechtenbrinks Einspielung des Zeitromans «Die Brücke» mit dem Deutschen Hörbuchpreis ausgezeichnete Edition Hörkultur widmet ein weiteres ehrgeiziges Vorhaben der Erinnerung : Anna Gmeyners 1938 im Amsterdamer Exilverlag Querido erschienenes Epochengemälde «Manja» holt bis zur Zeugungsstunde der «Flakhelfergeneration» aus , um Wurzeln und Werden gesellschaftlicher Verwerfungen und Verwerflichkeiten blosszulegen .

Im Romanmodell spulen sich Geburt , Gebaren und Geschick von fünf Kindern ab , ganz nach den Mechaniken von Klasse und Rasse , Rang und Stand . Nur Manja , das jüdische Mädchen in der Aura des Rätselhaften, steht mit der Wahrhaftigkeit des Herzens gegen den gleichgeschalteten Ungeist . Konventionell , doch mit Konsequenz in alle Verästelungen erzählt , wäre das aufklärend intendierte Sentiment des Romans heute mit Glacéhandschuhen anzufassen . Iris Berben , prominente Für- und Vorsprecherin der Exilliteratur , sieht dies – hörbar – anders . In bedeutsam verdunkeltem Ton ergeht sich die Interpretin im Klischee bebender «Einfühlung» .

Dass Regie und Sprechpraxis auch kühlere Schlüsse zu ziehen vermögen , erweist Jutta Hoffmanns Einspielung von Hans Falladas «Kleiner Mann – was nun ?» . Lesend kehrt die Schauspielerin zu jenem sprichwörtlich gewordenen Werk zurück , dessen weibliche Heldin ( «Lämmchen» ) sie 1967 in Hans-Joachim Kasprziks Defa-Verfilmung frühlingsfrisch gab .

Falladas Szenenbogen aus der deutschen Depression hat seit Erscheinen 1933 viele Geschichten geschrieben : vom genialen Rowohlt-Coup ( Titelgrafik von George Grosz ! ) über Fritz Wendhausens verschollenen Tonfilm bis hin zur Ablehnung durch die Nachkriegsmoderne wegen des Kindchenschemas der Figuren . Man sei mit solchen Urteilen allerdings nicht ( mehr ) allzu rasch zur Hand : Wer einen Blick auf die triste Biografie des Autors geworfen hat und nun Jutta Hoffmanns innig-ironischer Diktion bis zum – eher elenden – Ende lauscht , erkennt ein Vektorenmodell gnadenloser Ursachen und Wirkungen .

Hervorzuheben ist die tonmeisterliche Leistung , aus Live- Lesungen und Studioaufnahmen ein kompaktes Ganzes zu mischen .

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