Heine: Deutsche Gemütssuppe

echt welt texte

Heine: Deutsche Gemütssuppe

NZZ , 5. 8. 2011

czz – Nach vier Bänden «Reisebilder» (1826 bis 1831) und zehn Jahre vor «Deutschland. Ein Wintermärchen» blieb Heinrich Heine dem Motiv der Reise treu, indem er den fiktiven Herrn von Schnabelewopski auf die Walz sandte. Die Route führt über Hamburg und Amsterdam bis nach Leiden, wo er dem Studium der Theologie obliegen soll. Im Gegensatz zu diesem idealischen Ziel fällt der Held in der Tat auf die Knie: dies allerdings eher vor Frauenzimmern. In Hamburg bewundert er die männliche «Republik» der Börsen, Banken und Bonitäten, verfällt indes gar willig den «hanseatischen Vestalen». Nach ausgedehnter Feldforschung formuliert Schnabelewopski sein Theorem, dass jedes Land eine besondere Küche habe und also eine «besondere Weiblichkeit». Die deutsche Küche jedenfalls erweist sich als hochgradig unerotisch: «Da gibt’s gefühlvolles, jedoch unentschlossenes Backwerk, verliebte Eierspeisen, tüchtige Dampfnudeln, Gemütssuppe mit Gerste (. . .), tugendhafte Hausklösse, Sauerkohl – wohl dem, der es verdauen kann.» Mit seiner klaren, scharfen Sprache, die enorm «heutig» tönt, zielt das sarkastische Satyrspiel weitgehend auf die deutsche «Gemütssuppe», die schon in den «Reisebildern» in keinen geringen Portionen serviert worden war. Als Sprecher konnte das «Stimmwunder» Stefan Kaminski gewonnen werden, der Heines Witz und Zweideutigkeiten bewusst im Moderato hält.

|||