Ester Dischbereit

ESTHER DISCHEREIT: AKUSTISCHES DENKMAL

| echt welt texte |

NZZ, 3. 12. 2010

Dem überall enger werdenden öffentlichen Raum dankt sich eine körperlose Form des Denkmals, wie sie seit einigen Jahren zu beobachten ist. Nenne man es “akustisches Denkmal” oder “Klanginstallation”: die Klang-Kunstwerke laden wie ehemals das Denkmal aus Stein und Eisen ein, zu verweilen und seine Gedanken mit dem Gehörten schweifen zu lassen.

Ein solches auf Dauer eingerichtetes “Klangmal” an die Shoah hat die Schriftstellerin Esther Dischereit zusammen mit dem Wiener Avantgarde-Komponisten Dieter Kaufmann für die münsterländische Stadt Dülmen erstellt, wo es am Eichengrün-Platz tagsüber aus zwei Lautsprechern ertönt. Die Erinnerungsschnipsel, welche Dischereit aus den städtischen Archiven gezogen hat, nennen die Namen von Opfern und Tätern und gehen einigen poetisch-assoziativen Gedankengängen nach.

Im Wechsel mit Kaufmanns Musik geben diese dokumentarisch-poetischen Spuren ein diskretes Klangbild ab, das ganz ohne Anschuldigungen oder das Mantra des «Nie wieder» auskommt. Dieter Kaufmanns Kurz- und Kürzeststücke zitieren in eindrucksvoller Weise das vielfältige Repertoire des klassischen, neuen und elektronischen musikalischen Vokabulars – als gälte es, jedem der zu Tode Gekommenen einen unverwechselbaren Tribut zu zollen. Dies alles ist auf zwei CD dokumentiert, und Dischereits Texte in deutscher und englischer Sprache sind in einem typografisch exquisiten Büchlein bestens aufgehoben. Am berührendsten trifft den profanen Hörer indes jene Stimme, welche anhand von jüdischen Kochrezepten den Alltag und die hohen Feste eines Jahres insinuiert.

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