Herta Müller : Existenzielle Spannung

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NZZ , 6. 11. 2009

czz – Stumm kamen die Rumäniendeutschen aus den Arbeitslagern zurück, wohin sie 1945 als Sühne für die Verbrechen Hitlers verschickt worden waren, um dem sowjetischen «Wiederaufbau» zu dienen. Schweigend nahmen die, welche Kälte, Auszehrung und Zwangsarbeit überlebt hatten, das Trauma mit in ihr weiteres Leben. So die Mutter der Literaturnobelpreisträgerin. So auch der Dichter Oskar Pastior .

Eine Engführung ergab sich ein halbes Jahrhundert später, als Herta Müller von der Passion des 25 Jahre älteren Pastior erfuhr und ihn nach seinen Erlebnissen befragte. Pastior, der die prägenden Qualen in poetischer Eigenwörtlichkeit verdichtet hatte, war bereit, zu erzählen. Bis ein plötzlicher Tod den designierten Büchner-Preis-Träger aus dem gemeinsamen Projekt riss und es der Co-Autorin aufgab, Begonnenes abzuschliessen.

So ist mit der «Atemschaukel» ein von Herta Müller in Prosa gefasstes Stück Lagerliteratur entstanden, in welchem Oskar Pastiors Sprachschöpfungen – der allgegenwärtige «Hungerengel» – von distinkter Kenntlichkeit sind. In Ulrich Matthes‘ ruhig durchatmeter Lesung klingen virile Stimme und weibliche Verletzlichkeit in seltener Dringlichkeit zwiefach an und generieren einen eminenten Mehrwert gegenüber der stillen Lektüre.

Einem konträren Ansatz folgt das auf den gesprochenen Wortlaut abzielende Label Supposé, dem Herta Müller freimütig über ihre Banater Kindheit und die Schikanen des Staatssicherheitsdienstes «Securitate» Rede steht. Im Gegensatz zum Interview oder zum schriftlich fixierten Buch müssen diese Erinnerungssätze nicht «auf den Punkt» kommen. Die Stimme verweigert, indem sie angehoben bleibt, abschliessende Gewissheiten. Eine existenzielle Spannung hält an.

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