Herta Müller: “Niederungen” niederringen

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NZZ, 7. 5. 2010

czz – Mit Herta Müllers Literaturnobelpreis von 2009 rückte ins Licht plötzlicher Öffentlichkeit die geografisch, kulturell wie literarisch bis anhin kaum gekannte Region der Banater Schwaben am westlichen Ende Rumäniens. Mit einer Erinnerung an das mit Zärtlichkeiten radikal kargende Kinderleben in Nitzkydorf zeugte die Preisrede einmal mehr von der Kraft der Autorin, scheinbar einfache Szenen zu makabren Schaubildern zu vignettieren. Sie schloss solcherart an ihre literarischen Anfänge an.

Mit dem Prosaband «Niederungen» hatte die Dichterin 1982 in zensierter Fassung debütiert, ab 1984 erschienen gekürzte Versionen in Deutschland. Es bedurfte offenbar der Autorität des Preises, dass die «Niederungen» jetzt erstmals in vollständiger, überarbeiteter Fassung vorliegen. Parallel gibt eine sorgsam ausgewählte und eingespielte Audio-Ausgabe Teile der unheimlich um das Heimatdorf kreisenden Prosastücke zu vernehmen.

Indem sich Herta Müller ebenso des Sentiments wie des Tons der Klage enthält, erscheint die haarscharf beobachtete Doppelwirklichkeit der Erwachsenen, deren Rede ihren Taten verwirrend widerspricht. Umso beredter zeugen anthropomorphe Gegenstände und eine als unheimlich wahrgenommene Dingwelt vom Zerfall menschlicher Bindungen unter der Diktatur.

Hart, kalt und rau sind die Aggregate, mit welchen die rund 90 Seiten umfassende Titelerzählung die mäandernden Wahrnehmungen im ewigen Dorf versieht. Kalt, hart und rau verlauten die Nachrichten aus jener Provinz des Menschen, welche selbst exquisiten Interpreten nicht kleinzureden steht.

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