Hölderlin : Hälfte des Lebens

echt welt texte

NZZ , 3. 2. 2012

czz – Mit 37 Jahren wegen Zerrüttung entmündigt, verlebte Friedrich Hölderlin 36 Jahre als Pflegling einer Familie im Tübinger Turmgemach über dem Neckar. Was den Zeitgenossen unsäglich blieb, schrieb und schreibt sich laufend weiter in die Hochmoderne ein mit unzähligen Vertonungen (Heinz Holliger, Luigi Nono, Georg Friedrich Haas) und Literarisierungen (Friederike Mayröcker, Gerhard Falkner, Beatrix Langner). Letztere ziehen – meist unter der Sigle des von dem Kranken angenommenen Namens “Scardanelli” – den anwesend abwesenden Geist des Dichters als Projektionsfläche heran für Poetiken des Fragmentarischen und Zustände des Ausser-Sich-Seins.

Hatten Harald Bergmanns ”Scardanelli”-Film und das daraus entwickelte Hörstück (NZZ 4. 1. 2006) vermittels Gedichtfragmenten, historischer Zeugnisse und wirkungsvoller Musik das Drama eines sich ver-rückt, entrückt aufbäumenden Geistes inszeniert, legt der 1930 in Hamburg geborene Autor und Biograph Peter Schünemann seinen Text “Scardanellis Gedächtnis” als Gedankenstrom an. Situiert in der dem Tod am 7. Juni 1843 vorausgehenden Nacht, laufen Erinnerungsbilder vor dem inneren Auge des Dichters ab, bruchstückhaft, chronologisch durcheinandergewirbelt, in irisierenden Visionen sich verlierend.

Indem sich Schünemann die Freiheit nimmt, ein gegenwärtiges Idiom diskret mit Zitaten zu durchwirken, erzielt er trotz oder gerade wegen mannigfaltiger Anachronismen eine verdichtete, vexierende Textur. In der weich schmiegsamen Lesart Christian Brückners erklingt ein Strom kaskadierender Bilder, die – in Wirbeln kreiselnd, als Gischt aufspritzend, in Brechungen glitzernd – sich dem Fluss unter dem Turmzimmer anverwandeln: ein poetischer Acheron, in “heilignüchterner” Erwartung des letzten Fährmannes Charon.

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