NZZ , 4. 1. 2006
Der stolze Flug seiner Poesie, der tiefe Sturz in den Wahn, welchen Friedrich Hölderlin nahezu vier Jahrzehnte im notorischen Turmzimmer zubrachte: Das ist kein Thema zum Leisetreten. Entsprechend radikal hat der Filmemacher Harald Bergmann die entzündliche Wunde von “Genie und Wahn” an Person und Werk des gestürzten Adlers in vier cinematografischen Studien erkundet.
Die Tonspur von Bergmanns filmischer Annäherung an Hölderlins zweite “Hälfte des Lebens“, als der Dichter seine Reime mit dem Phantasienamen “Scardanelli” signierte, wurde in ein denkwürdiges Hörstück destilliert, das den modischen Anmutungen eines “Hörfilms” dankenswert fern bleibt. Das historische Textmaterial erscheint im akustischen Medium als ein Feature, welches – durch “schwäbelnde” Berichte von Zeitgenossen sowie durch Äusserungen des Dichters – die Tragödie des Menschen und Dichters vergegenwärtigt.
Bergmanns Wille zur Suggestion ver-störter Intensität generiert das Wohl gleichwie das Wehe seiner Hommage: Im Guten hält der Regisseur seine Sprecher dazu an, ihren Duktus an den wechselnden Dynamiken der prägnanten Musikspur ( Mozart, Bach, Schubert ) auszurichten. Die tragende Rolle übernimmt dabei ein von Peter Schneider gespieltes “Scardanelli-Klavier”, welches auf zwei Manualen abwechselnd den Naturklang des Tastensinstruments und die Samples eines hämmernden Tafelklaviers anstimmt. Instrumentiert bereits dieser Chorus aufregend die alternierend friedfertig-revoltierenden Verfassungen Hölderlins, hätte es der Zuspielung eines Schubert-Streichquintetts kaum noch bedurft. Gegen die drastische Interpretation des Alban Berg-Quartetts kommt nicht einmal der fulminante Hölderlin-Sprecher Walter Schmidinger mehr an: Die intendierte dramatische Zuspitzung droht in einer exquisit überinszenierten Klangwoge zu versinken.
- Harald Bergmann : Scardanelli – 1 CD ( 60 Min. ) – ECM New Series 2004
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