czz – Irritation und Invasion des Alltags durch surreale künstlerische Interventionen – diese in der experimentellen und Medienkunst geläufige Tradition wurde im Kultursender Deutschlandradio 2004 salonfähig. Mithin blitzen sechsmal täglich jäh jene surrealen Mikro-Hörspiele auf, die als «Wurfsendungen» längst legendär sind. Per Zufallsgenerator geworfen in das Tagesformat ( «Radiofeuilleton» ), werfen die sekundenkurzen Spots, Szenen und Situationen den Hörer aus dem gewohnten Trott und die Ratio lustvoll über den Haufen.
Produziert in Serien von acht bis zehn Folgen, kombiniert das Format des «plötzlichen Hörspiels» den Effekt der Überraschung mit demjenigen des Wiedererkennens, womit noch gar nichts über den oft nihilistischen Witz dieser partikularen Performances gesagt ist. Ob Comic-Charaktere wie die linkischen Hirningenieure Nano & Mü, oratorische Reflexionen zur Einsamkeit des Users vor dem Computer, Solo-Suaden, Ehegeplänkel, Airport-Durchsagen – was diese Mailboxnachrichten, Ratespiele, Telefonate und Wechselreden alle eint, ist die konsequente Konzentration auf die Situation des Sprechens. Mit diesem roten Faden, der sich durch die über 1.000 gesendeten Mini-Clips zieht, wird einerseits deren beliebige Kombinierbarkeit garantiert, zum andern ein Abdriften ins beliebig Kabarettistische verhindert.
Wenn nun 99 dieser akustischen Ausschnitte einer angewandten Psychopathologie des Alltagslebens auf CD erscheinen, mag man diese als Spielformen auf den Registern des (Anti-)Witzes geniessen. Faszinierender aber ist, dass hier das Sprachmedium «Radio» ein produktives Format dafür geschaffen hat, das Sprechen an sich und durch sich pfiffig zu reflektieren.
-
99 Mini-Hörspiele – «Wurfsendungen» – 1 CD ( 78 Min. ) – Deutschlandradio Kultur | Der Hörverlag 2008
|||