czz – Als Claus Peymann 1989 am Burgtheater die Figur des Wilhelm Tell mit Josef Bierbichler besetzte und dieser todernst durch den Schillerschen Zitatenwald pflügte, wurden Sentenzen wie “Die Axt im Haus erspart den Zimmermann” Teil eines theatralen Ulks. Nun beweist Bierbichler mit seinem ersten Roman, dass er in der Tat “die Axt im Haus” hat und die Register eines sinistren Heimatromans im Griff seiner dramatischen Pranke.
Mit der Haus- und Hofgeschichte einer Wirts- und Bauernfamilie an einem pittoresken See erzählt Bierbichler – selbst Wirts- und Bauernsohn – die Geschicke dreier Generationen durch die Verwerfungen zweier Kriege hindurch bis hin zu den Friedensdemonstrationen der achtziger Jahre. Nichtsdestoweniger ist ein permanenter Kriegszustand unbemerkt in die Herzen gesintert. Anhand einer “mittelreichen” Familie wird mit dem Aufkommen der Sommerfrischler nicht nur die Erfindung der Freizeit und damit der touristischen Dienstleistungsgesellschaft thematisiert, sondern parallel dazu die Technisierung der Landwirtschaft in Hof und Haus.
Angesichts des mit der Aushöhlung des Bauernstandes hadernden Seewirtes und seines im katholischen Internat missbrauchten Sohnes öffnet sich ein unheiliger Prospekt hinter den landschaftslieblichen Kulissen. “Alles, was kommt”, heisst es, “wird schlimmer als alles, was war”: Lässt der an wüsten Wendungen reiche Roman keine Zweifel an diesem Orakel, bleibt der Autor als Erzähler vor dem Mikrofon ebenso ungerührt wie einst der Darsteller des Tell; mit dem Unterschied freilich, dass die “Axt im Haus” nicht mehr zu dessen Befestigung dient, sondern zum Untergang desselben.
- Josef Bierbichler liest “Mittelreich”, 10 CD (727 Min.) – Der Audio Verlag 2011
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