Kafka wider den Kanon

KAFKA WIDER DEN KANON

| echt welt texte |

NZZ , 4. 2. 2011

czz – Den grösseren Teil von Kafkas Werk verdanken wir Max Brods Entscheidung, entgegen der testamentarischen Anweisung das Unfertige mitnichten zu vernichten. Ästhetisch am traditionellen Roman orientiert, redigierte Brod die Prosafragmente in Richtung einer narrativ geschlossenen Lesart. In welchem Mass die geopferte Texttreue zu Buche schlug, zeigte die 1997 von Roland Reuss und Peter Staengle als sogenannte “Frankfurter Kafka Ausgabe” (FKA) unternommene Faksimileausgabe der «Process»-Handschriften.

Wie bereits beim Musil-Projekt «Der Mann ohne Eigenschaften. Remix» ( NZZ , 4. 5. 2005 ) nahm sich die Abteilung «Hörspiel und Medienkunst» des Bayerischen Rundfunks der Urform der betreffenden Werke an und förderte überraschende Textgestalten zutage: «Der Process» – überliefert in 17 unnummerierten Konvoluten – ist heute dramaturgisch neu zu denken, wovon die (als CD greifbare) Radioversion konkretes Zeugnis ablegt. War mit den Manuskripten ein radikaler Urtext gefunden, oblag es Klaus Buhlerts kundiger Regie, bisher vernachlässigte Textstränge einzubringen.

Somit verwandelt sich das im Kanon verkrustete Werk in ein lebendiges Laboratorium, an welchem auch die Hörerin mittels persönlicher Anordnung partizipiert. Dem «Werkstatt»-Aspekt der auditiven Produktion ebenso zuträglich ist die Entscheidung, die aus der Perspektive von K. erzählte «Geschichte» von verschiedenen Interpreten (Rufus Beck, Corinna Harfouch Manfred Zapatka u. a.) lesen zu lassen. Die Einbeziehung von Frauenstimmen für die Rolle des K. kommt der charakteristischen Ambivalenz von Kafkas Figuren entgegen. Klaus Buhlerts genaue und diskrete Regie akzentuiert die Tatsache, dass es sich bei diesem «Process» um eine genuin radiofone Produktion handelt. Franz Kafka, zeit seines Lebens an technischen Neuerungen interessiert, hätte an dieser dezidiert «medialen» Fassung womöglich seine Freude.

|||