czz - In der Sprache der Nachschlagwerke gilt er als erster psychologischer Roman und sein Schöpfer als einer der Hellsten deutscher Aufklärung : Was so sach- und fachlich daherkommt , ist ein weithin wirkendes Werk von Welt- Literatur , dessen rasch changierende Extremwerte von höchster Verzückung und existenzieller Düsternis die Lektüre auf eine wahre Achterbahn führen . Der aus autobiographischen und aufklärenden Zutaten komponierte Bildungsroman der Hindernisse nahm bei seinem Erscheinen 1785–1790 manchen Aufschrei des zur Kreatur gedemütigten Menschen vorweg , wie er später um den Ersten Weltkrieg im “expressionistischen Jahrzehnt” gang und gäbe wurde .
Allerdings zählt der “Anton Reiser” auch zu jenen widrigen Bildungsgeschichten , wo - wie in Ulrich Bräkers “Mann im Tockenburg” ( 1792 ) oder Franz Michel Felders “Aus meinem Leben ( 1869 / 1904 ) – Figuren aus erbärmlichen Verhältnissen das Ringen um Wissen und Selbsterziehung als immerwährenden Kriegszustand erleben .
Dieses Bangen , dieses Kargen , diese Kasteiungen durch das “zernichtende” Weltbild des Pietismus sowie die fatale Armut im Wechsel mit Anwandlungen genialischen Grössenwahns und empfindsamer Verzückung : Kein anderer Sprecher lässt sich denken zur besseren Verlebendigung dieser Chronik der Gefühle als Martin Wuttke - Schlafwandler auf dem Grat des Drastischen ohne Hang zum Pathos . Im Aufglühen des Ich- Ideals wie im Absterben des Ego unter den Anfeindungen von Hunger , Kälte , Scham : Der Schauspieler spricht den Anton Reiser , als wäre dieser nicht zwei Jahrhunderte alt und nicht von langer Hand verbucht . Karl Philipp Moritz‘ in brennende Sequenzen gebannter Zeit- Geist hat in Wuttke just aus dem Grund ihren Meister gefunden , weil sich der Sprecher zur Gänze dem Text anheim stellt.
Karl Philipp Moritz : Anton Reiser , gelesen von Martin Wuttke , 6 CDs ( 396 Min. ) , Hoffmann & Campe 2007















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