Leben im Loop – Popliteratur auditiv

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Obwohl multimedial anschlussfähig, ist die Pop-Literatur spät für das Hörbuch entdeckt worden

NZZ , Phono- Spectrum , 3. 10. 2008

Als begriffliches Derivat der Warholschen «Pop-Art» bezeichnet der Ausdruck «Pop-Literatur» gegenwartsnahe und mit den Zeitzeichen ihrer Epoche spielende Texte: Obwohl sie viele Musikstile oder einzelne Songs als Codes und Signale zitiert, kommt die im deutschen Sprachraum geschriebene Pop-Literatur oft erst spät im Medium «Hörbuch» an.

Christiane Zintzen

icon steckerIn ritueller Regelmässigkeit wird sie als oberflächlich, präpotent und hedonistisch bezeichnet, als “Hype”, “Trash” oder beides zusammen. Seit Karl Heinz Bohrer 1968 in einer Rezension zu Rolf-Dieter BrinkmannsKeiner weiss mehr” den Ausdruck “Pop-Roman” gebrauchte, wird der (von Andy Warhols “Pop Art” aus der bildenden Kunst entlehnte) Begriff auf die Literatur angewandt. Obgleich die in den Achtzigern zwischen Kunst, Punk und “Szene” aufgesprudelte Welle zeitgeistigen Schreibens in Diedrich Diederichsen einen unermüdlichen Theoretiker fand, blieb der Begriff “Popliteratur” undeutlich. Zwischen dem Misstrauen der deutschen Hochkultur gegenüber dem Schnellen, Ephemeren und dem periodisch wiederkehrenden Ruf nach einer “lesbaren” Literatur à l’Américaine wird ein ständiges Match ausgetragen. Jede Generation, jedes neue Buch kann eine neue Runde zeitigen im Widerspiel zwischen den “Apokalyptikern” und “Integrierten” (Umberto Eco ).

Als Hörbuch blieb die zeitnahe, aus Mode und Kunst, Alltags- und musikalischen Subkulturen gespeiste Literatur zunächst auf Kleinlabels und Pop-affine Verlage wie Eichborn oder Roof Music beschränkt und sickerte erst allmählich in den breiteren Markt. Junge Hörspiele, die Lesebühnen- Szene, schliesslich die WWW- Welt der Podcasts haben neue Hörer herangebildet. Heute werden vielversprechende Titel wie Karen Duves “Taxi” oder Sven Regeners “Der kleine Bruder ” gleichzeitig in Print und auf CD lanciert.

ZWEI GEGLÜCKTE WÜRFE

icon steckerMit Karen Duves energischen Episoden von den odysseeischen Fahrten einer Hamburger Taxilenkerin sowie mit Sven Regeners Reminiszenzen an die (Post-) Punk-Ära sind zwei geglückte Würfe zu begrüssen. Beide verfügen – just in ihrer akustischen Gestalt – über zwei entscheidende Merkmale des Pop: handwerkliche Erfahrung und Glaubwürdigkeit (“street credibility “) in der Ausführung.

Nach dreizehn Jahren Praxis – meist im Nachtdienst – kennt Karen Duve (Jahrgang 1961) alle Modalitäten der “Frage an den Taxifahrer”, um die Fährnisse des Klischees zu vermeiden. Auch weist sie via Typisierung der Figuren diverser “Miljös” eine autobiographische Lesart strikt von sich. Eigentliches Subjekt bleibt das Erzählen, das in allen Nuancen vom Herben ins Derbe und versteckt Verletzliche wechselt. Die Neigung zum Crashtest als Panazee gegen den Schmerz der Leere hatte Duve bereits 1999 in der Erzählung “Keine Ahnung ” in radikale Vokabeln gefasst: Hier wie dort erscheinen fordernde, emotional wenig förderliche Eltern am Horizont, hier wie dort suchte eine junge Frau den Nebel der Fühllosigkeit zu spalten, indem sie sich in Extremerfahrungen stürzt.

Duves Verzicht auf Pathos und feminine Empfindsamkeiten unterscheidet ihre Texte grundsätzlich von jenen ‘Erzählerinnen‘, die Eichborn vor einem Jahr in einer kleinen Reihe präsentierte: Die in poetischer Gewolltheit für weibliche Autonomie plädierenden Texte Juli Zehs (1974) sehen dagegen wie politisch korrekte Hausaufgaben aus. Daran vermag auch ein Reportage-Portrait der ersten weiblichen DJane Bosnien- Herzegowinas wenig zu ändern. Trotz Pop-Milieu der Nachtarbeiter an den “turntables ” bleibt es Balkan-Kitsch von der Stange.

ZUCKERBABYS UND LEBEN IM LOOP

icon steckerDa kann Kerstin Grether, Redakteurin bei Spex und praktizierende Musikerin, schon eher aus dem Nähkästchen plaudern: Die Hörspielfassung des Romans “Zuckerbabys” zielt ins Zentrum realer und reflektierter Popkultur. Das Ideal physischer Perfektion als Medium zur Durchsetzung weiblichen Ehrgeizes richtet in den Kreisen um eine “Riot Grrrl“- Mädchenband keinen geringen Schaden an. Hier findet sich in nuce jene These, die Grether in der eben von ihr edierten Anthologie “Madonna und wir” (Suhrkamp) ausformuliert: Jungs werden ohne Ansehen ihres Äusseren akzeptiert und halten im Notfall zusammen (“Prinzip Rock”). Mädels müssen sich zusätzlich durch gefällige Zurichtung in direkter Konkurrenz beweisen (“Prinzip Pop”). Intermittiert von prominent performten Rocksongs (Bernardette La Hengst, Jens Friebe ), gibt das amüsiert mit Soap-Anleihen spielende Hörstück ein dichtes Mix aus Pop- und Gender-Themen in Praxis und Theorie.

Ganz ohne aufgesetzte Meta-These unterlaufen die narrativen Skizzen der Kroatin Olja Savicevic (1974) mit ihrem teils staunenden, teils grausamen Blick die eingespielten Weisen weiblicher Selbstbefassung, Sei es der verschwiegene Verdacht einer Brustkrebserkrankung, sei es das in sich zirkelnde Zwangssystem des “Schönen Hungers”, mit dem ein Mädchen auf die Kalorien-Köder der Stiefmutter reagiert. Selten reichen einander Sanftheit und Brutalität so unversehens die Hand wie in diesen unprätentiösen Erzählungen, die bei Voland & Quist als Buch mit CD vorliegen.

icon steckerIn Wolfgang Herrndorfs (1965) Prosa sind es primär Männerbeziehungen, welche das schüttere Geschehen prägen. Bereits der Erstling “In Plüschgewittern” spielt mit homoerotischen Allusionen. Was als Trennung von der Freundin am Autobahnrand anhebt, situiert sich später in einem dieser fremden Berliner Zimmer, die für Herrndorfs Epopöen der Nicht-Orte typisch sind. Unbestimmt driftet der Erzähler durch Bars, wo er der zynischen Beobachtung modischer und verbaler Codes obliegt. Über Allem liegt der bleierne Schleier eines “Irgendwie, Irgendwo, Irgendwann“, als wollte der Autor Jan Delays (von Nena entlehnten) Wohlfühlsong ein nihilistisches Contra geben. Diese ostentative Ziellosigkeit könnte als Paradebeispiel für jenes “Leben im Loop” herhalten, welches Diedrich Diederichsen in seinem jüngsten Buch (“Eigenblutdoping “) dem Heute zuweist – im Kontrast zu früheren Jugend-Bewegungen.

RETTUNG DURCH HERRN LEHMANN

icon steckerDas Personal der “Lehmann“- Romane Sven Regeners (1961) lässt an “Bewegtheit” wenig zu wünschen übrig: Wenn Regener – nach “Herr Lehmann” (2001) und “Neue Vahr Süd” (2004) – jetzt mit “Der kleine Bruder” seine “Kreuzberger Trilogie” beendet, schöpft der Sänger, Texter und Gitarrist der Band The Element of Crime aus dem Vollen der in den frühen Achtzigern von Punks und Hausbesetzern konfus “kunstig” bewegten Szene. Mit robustem Slapstick und Screwball- Dialogen im Punk-Jargon wird der sympathische Stoiker Frank Lehmann vorgeführt, wie er vom Provinzkopf auf die metropolitanen Füsse fällt. Regeners in 25 Bühnenjahren trainierte Stimme meistert virtuos die verbalen und szenischen Wirbel. Letztlich aber bringt der Autor in dieser Gegen(kultur)geschichte die wichtigen “Pop”-Komponenten zur Deckung: Handwerkliche Sicherheit und “credibility“. Kurz: “Herr Lehmann ” hat die Popliteratur noch einmal gerettet.

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  • Karen Duve : Taxi – Lesung Kim Saranau, 4 CDs (272 Min.) – Eichborn | Lido 2008
  • Karen Duve : Keine Ahnung – Lesung Katharina Wackernagel, 1 CD (78 Min) – Eichborn | Lido ‘Die Erzählerinnen’ 2007
  • Juli Zeh : Alles auf dem Rasen – Lesung Sandra Borgmann, 1 CD (46 Min.) – Eichborn | Lido ‘Die Erzählerinnen ‘ 2007
  • Kerstin Grether – Zuckerbabys – Hörspiel mit Musik, 3 CDs (244 Min.) – Eichborn | Lido 2007
  • Olja Savicevic : Augustschnee – Dt. von Blazena Radas, Lesung Franziska Melzer, 1 CD (40 Min.) + Buch (125 S.) – Voland & Quist 2008
  • Wolfgang Herrndorf : In Plüschgewittern – Lesung August Diehl, 4 Cds (250 Min.) – Roof Music | tacheles 2008
  • Wolfgang Herrndorf : Diesseits des Van-Allen-Gürtels – Autorenlesung, 2 CDs (140 Min) – Random House Audio | 1 Live Klubbing 2008
  • Sven Regener : Der kleine Bruder – Autorenlesung, 5 CDs (324 Min.) – Roof Music | tacheles 2008

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