NZZ , 9. 8. 2006
czz - Man nennt sie die Grande Dame der deutschsprachigen Prager Literatur : In der Tat verfügt die im Mai vor 90 Jahren geborene Lenka Reinerová über eine vexierend leuchtende Stimme , deren Pragerdeutsch aus einer fernen Epoche herüber ins dritte Jahrtausend verlautet . Der artikuliert altösterreichischen Diktion dieser Erzählerin eignet indes nicht das geringste Quäntchen von Nostalgie - dafür ist die Spannkraft der sanft von tschechischer Sprechmelodie getragenen Stimme zu jung .
Die treffliche Einspielung einer Lesung von Erzählungen aus dem Band “Mandelduft” gibt dem landläufig entleerten Wort der “Würde” wieder Sinn : Lenka Reinerovas exzeptionelle Stimme , ihre noch in der Empathie gelassen pointierende Präzision , bürgen für und beglaubigen das , wovon sie erzählt . So wird die persönliche Perspektive einer Wiederbegegnung mit den baulichen Resten der - von Maria Theresia als Garnison gegründeten und von den Nationalsozialisten zum jüdischen Ghetto degradierten - nordböhmischen Theresienstadt ( Terezín ) zur unsentimentalen Reise .
Hier , wo ihre Verwandten ums Leben gebracht oder in Vernichtungslager verschickt wurden , wohnen nun stumm gestikulierende Patienten der Psychiatrie , als wären sie Wiedergänger der ehedem in Verzweiflung Verstorbenen . Reinerová beobachtet nur , sie konstatiert : Und es öffnet sich ein Raum - literarisch , philosophisch und akustisch - für Fragen , die , aus dem Gestern kommend , wohl auch übermorgen keine Antwort finden werden .
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Lenka Reinerová liest : Mandelduft . Erzählungen , 1 CD ( 79 Min. ) , RBB | DAV 2005 ( Hörprobe [ ram } )
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- Rare Sprache : Lenka Reinerová im 93. Lebensjahr verstorben ( in|ad|ae|qu|at , 30. 6. 2008 )
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