Internationale Lautpoesie in CD-Editionen
Christiane Zintzen
NZZ , 1. 7. 2004
Wo es heisst , wir hätten als Souverän “unsere Stimme abzugeben”, offenbart sich , wie stark das Lautgeben für die Person schlechthin steht . Seit er sich als Säugling die Atemwege frei schreit , erobert der Mensch seine Welt – in Terror und Spiel – stimmlich , bevor er zum aufrechten Gang aufsteht und sich den Verkehrsregeln des Wortwechsels beugt . Gleichwohl bleiben mit Schrei , Schluchzen und Singsang potente Register parat , für welche die Literatur seit je reges Interesse hegte . Aristophanes’ Stimmbild der “Vögel” ( “Kikabau! Kikabau!” ) , kultisches Abrakadabra sowie Kalauer und Volapük standen Pate für den Drang der Moderne zur Sprachexpansion . Was mit Dadas trotzigem Stammeln begann , im Futurismus zu Sprachkampflärm anschwoll , weitete sich nach den Kriegen zum universalen poetischen Experimentierfeld zwischen Sprachzweifel und Spruchlust .
Dass der Lautpoesie in jüngerer Zeit vermehrtes Interesse gilt , dankt sich dem konvulsivischen Schandmaul des Rap sowie dessen Triumphzug durch sämtliche Sprachen und Charts . Daneben waren und sind es monolithischen Protagonisten der Sag- , Sing- und Stimmkunst wie Ernst Jandl oder Meredith Monk , deren unbeugsame Originalität über Jahrzehnte das Publikum sensibilisiert und die Künstler inspiriert hat.
Da das praktikable Medium der Audio- CD mittlerweile für Literaturen aller Art seine Klientel gefunden hat , scheint reife Zeit für lautpoetische Editionen aus Geschichte und Gegenwart . Deutlichstes Indiz für die Einschätzung, der Sprech- , Stotter- und Singpoesie eigne ein gewisser Pop-Appeal , ist das zweiteilige Kompendium der modisch versierten Hörbuchsparte des Eichborn- Verlages ( Lido ) , welches – unter dem morgensternenden Titel “Alles Lalula” – auf insgesamt 4 CD nicht weniger als 121 Hörproben von Originalstimmen eines dreiviertel Jahrhunderts chronologisch kompiliert .
POPOESIE
Steht mit dem Herausgeber Herbert Kapfer ein profunder Kenner der Mund- Art als Qualitätsgarant , bleibt ein trendiger Zug dieser akustischen Enzyklopädie doch nicht verborgen : Gleich , ob es sich um die Dadaisten Huelsenbeck , Hausmann und Schwitters handelt , um die Futuristen Marinetti und Krutschonych , um dreiste Dialektiker à la Artmann , um Ginsbergs “Howl” oder um jüngere Sprachartisten wie den Bachmannpreisträger Michael Lentz und den Zürcher Human- Beatbox- Performer Jurczok 1001 : Die Cuts bleiben meist im Poposong- Takt von etwa drei Minuten .
Da Kapfers Auswahl alle Trennkost im Sinne von “U” oder “E” ( also Pop versus Literatur bzw. Soundavantgarde ) verschmäht , dürfen wir Karl Valentins Chinesisch ebenso geniessen wie den vollmundigen Russen Valeri Scherstjanoi . Glücklich erschliesst die Auswahl auch musikalische Quellen , welche ein literarischer Kanon gerne aussen vor lässt . Zen-Sophismen von John Cage , ein Spital- Sit- In von Yoko Ono und John Lennon , Blues des grossen Taj Mahal , Stimmgrenzgänge von David Moss und Sainkho Namtchylak oder die “sexy” knisternde Stille ( ! ) der Einstürzenden Neubauten : Sie alle instrumentieren den “grossen Lalula” , der selbstredend auch den charismatischen Einzelgängern Ernst Jandl , Joseph Beuys oder Robert Lax Reverenz zollt .
Der Purist mag über die akustischen Momentaufnahmen das Verdikt des Häppchenwesens fällen ; der hungrige Soundsucher freut sich an einer enzyklopädischen Pracht von Stimm- Bekanntschaften , die er andernorts weiterverfolgen mag . Zum Beispiel bei Bernd Rauschenbachs rezenter Aufnahme von Kurt Schwitters “Sonate in Urlauten” ( 1932 ) , dem Klassiker der wortfreien Sprach-Tonkomposition . Die “Lalula”-Anthologie spielt Schwitters’ explosiv vorgetragenen Buchstabensalat sowie dessen von Raoul Hausmann stammendes “Libretto” ( “fmsbw” ) in knappen Originaltönen an ; Rauschenbach serviert den Vollgenuss des Gesamtstücks . Erdenschwerer als Schwitters , besteht der Interpret die – vom Urheber selbst weidlich trainierte – “gute lungenprobe” mit Bravour .
Weniger Atemstärke als Zungenfertigkeit fordern Gertrude Steins Wort( ver ) wendungen : Lernen wir bei Kapfer die amerikanische Wahlpariserin mit einem wortkubistischen Picasso-Portrait ( “If I told him” , 1934 ) stimmpersönlich kennen , sind ihre revolvierenden Silbenspiele in deutscher Sprache nun auch in einer Hör- und Lese- Edition weiterzuspinnen . Wo Steins fluktuierende Englischumdrehungen buchstäglich unübersetzbar bleiben , bedarf die Übertragung eines kongenialen Sprach( er) finders wie Oskar Pastior . Probat feinsinnig und -stimmig trägt Pastior Steins “Rearead Another” ( 1921 ) als “Nochmal den Text ein anderer” vor und umfasst damit schalkhaft den Ursinn des Textes mitsamt der Übertragungs- Poetik .
SOUND UND SETIEN
Üblicherweise muss man die im CD- Beiheftchen kompilierten Daten mit der Lupe suchen . Mit seiner Stein | Pastior-Edition manifestiert der Schweizer Verleger Urs Engeler dahingegen einen demonstrativ grosszügigen Zugang zur Poesie . Da der Klangträger nicht ohne ein bibliophiles Textbuch zu haben ist , vergeht einem beim Hören nicht das Sehen und ergeht sich die Sinn- Stimm- Wahrnehmung zwischen Lautklang und den Schriftbildern der amerikanischen und deutschen Fassung .
Solcherart Wort und Ton verschränkend , bleibt es nicht alleine Engelers bewährten Editionen vorbehalten , einen vielseitigen Wirkungsraum für die Schrei ( b ) schrift-Poesie zu gestalten : Mit der Reihe “Klangzeichen” lanciert Michael Lentz – selbst Wort- und Lautvirtuose – neuerdings im Wiener Selene- Verlag eine parallele Zweipack- Agenda . Galt der erste Titel dem englischen Lautdichter , Körperpoeten und Tonbandpionier Bob Cobbing , so zollt der eben erschienene zweite Titel der Mundlandvermessung des experimentellen Grandseigneurs Franz Mon Tribut .
Zwar liefert das Text- Bilderbuch mit Buchstabengedichten und Collagen diesmal nicht die Partitur zu den Tondokumenten , doch werden mit letzterem wichtige Arbeiten erstmals publiziert. Mons kompromisslose – teils in Naturtönen , teils apparativ manipulierte – linguistische Leibesvisitationen wie “artikulationen” ( 1962 ) oder “déjeuner sur l’herbe” ( 1963 ) schaffen eine nachgerade physiologische Dichtung , die in Ernst Jandls lautmalender Antiidylle “auf dem land” ein würdiges Gegenüber hat .
Die bestmögliche Fassung von Jandls kakophonischer Tierstimmenphobie ist – dank dem auf Soundart spezialisierten Label intermedium – endlich wieder greifbar . Die BBC-Einspielung früher “radiophoner texte” besticht – neben der notorischen Vortragsbrillanz des vor vier Jahren verstorbenen Dichters – durch effektvollen Einsatz tontechnischer Mittel . Die Radikalität, mit welcher sich das bereits klassische Kriegsklangfanal “schtzngrmm” via Hall- und Resonanzkatastrophe erhebt , lässt – anno 1966 produziert ! – noch heute manchen Klangangeber alt aussehen .
Dass grosse Dichtung und modisch aparte Klangaccessoires einander nicht im Wege stehen , zeigt zu guter Letzt die intermedium- Hommage an den amerikanischen Eremiten Robert Lax , dessen fundamentale Wortmeditationen in zwei Versionen zu hören sind : Ereignen sich auf CD 1 die unauslotbar einfachen Worte des Dichters in wunderbarer Reinheit , befördern die Remixes der zweiten CD das Ethos dieser Poesie lässig in die Electronic- Lounge .
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Wolfgang Hörner / Herbert Kapfer (Hg.): Alles Lalula / Songs und Poeme 1: Originalaufnahmen von Valentin über Schwitters bis zur Beat Generation. 2 CD (133 Min.), Lido / Eichborn 2003
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Wolfgang Hörner / Herbert Kapfer (Hg.): Alles Lalula / Songs und Poeme 2: Von der Beat-Generation bis heute. 2 CD (140 Min.), Lido / Eichborn 2003
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Kurt Schwitters: Von der Gugel bis zur Zehe. Gesprochen von Bernd Rauschenbach. 2 CD (95 Min.), Kein & Aber 2003
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Gertrude Stein / Oskar Pastior: Reread Another. A Play / Nochmal der Text ein anderer. Gesprochen von Oskar Pastior. CD (43 Min.) + Buch (64 S.), Urs Engeler Editor 2004
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Oskar Pastior: Mein Chlebnikov. Gesprochen von Oskar Pastior. CD (60 Min.) + Buch ( 64 S. ), Urs Engeler Editor 2003
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Bob Cobbing: VerbiVisiVoco. Selected Poems und Originalaufnahmen, hrsg. v. Michael Lentz. CD ( 77 Min. ) + Buch ( 200 S. ). Edition Selene 2003 ( Klangzeichen 1 )
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Franz Mon: Freiflug für Fangfragen. Alphabetgedichte, Verbalcollagen und Originalaufnahmen seit 1960, hrsg.v. Michael Lentz. CD ( 78 Min. ) + Buch ( 200 S. ), Edition Selene 2004 ( Klangzeichen 2 )
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Ernst Jandl: 13 Radiophone Texte / Das Röcheln der Mona Lisa. Autorenlesung BBC 1966. CD ( 67 Min. ), intermedium / strunz! enterprises 2003
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Ernst Jandl: Eile mit Feile. Autorenlesung. CD ( 70 Min. ), DHV / Der Hörverlag 2003
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Robert Lax / loopspool / Christoph Kurzmann, Marc Ribot u. a.: wake up. re:lax. 2 CD ( 145 Min. ). intermedium / strunz! enterprises 2003
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