Martina Brandl. Nur nie Vierzig !

NZZ , 5. 10. 2007

czz – Dass man nicht ein liebes Leben “lang sweet little sixteen” bleiben kann , betrauern Zeitgeister beiderlei Geschlechts seit Generationen . Vor einem knappen Jahrzehnt fand die britische Kolumnistin Helen Fielding mit dem “Bridget Jones- Diary” eine effektvolle Form der ironischen Selbstbeobachtung weiblicher Bobos . Seither ist die “Chic Lit” in vielerlei Richtungen explodiert und in vielerlei Sprachen.

Mit ihrem Transfer des britischen Musters nach Berlin Mitte und zwischen “Generation Golf” und “Wir nennen es Arbeit” landete die Kabarettistin Martina Brandl ( Jahrgang 1966 ) im Vorjahr einen Volltreffer . Wie alle Mädels des Genres sieht Ute , selbstständig , Single, die Welt strikt manichäisch . Unaufhaltsam nahender Horror : Das 40. Lebensjahr , Zellulitis und Verfall des Frischwerts auf dem Laufsteg der Leiber . Unaufhaltsam entfliehender Traum : Der Märchenprinz . Respektive : jene süsse Mélange aus Macho und Softie , welche man auch als “Halbnackten Bauarbeiter” aus der Limonaden- Reklame kennt . Getrieben von dem, was früher “Torschlusspanik” hiess und heute schlicht “notgeil” , fuhrwerkt Ute – Unfall nach Unfall – an der Geschlechterfront herum .

Der Witz dieses sonst braven Büchleins liegt in der kleinen Anarchie jener Phantasien , die sich im Kopf der Protagonistin in Form kleiner Szenen abspielen : Banales wird zur Ballade , ein Strickpullover zur soziologischen Figur , Nudeln , Notizen , Neurosen mögen Bände sprechen . Da der Witz solcher – in pragmatischer Selbsterkenntnis doch irgendwie “wertig” endender – Werke ganz im gestischen Slapstick und sprachlichen Screwball liegt , wurde mit der Schauspielerin Christine Paul eine exzellente Wahl getroffen : Schön schnoddernd rettet die Sprecherin diesen recht normalen Wahnsinn aus dem Banalen .

Martina Brandl : Halbnackte Bauarbeiter , Lesung : Christine Paul , 4 CDs ( 313 Min. ) , Patmos 2007