NZZ, 7. 9. 2007
czz - Mag früher sein oder später: Jeder Lesekarriere tritt einmal das «Lyrische Stenogrammheft» der Mascha Kaléko in den Weg und erleuchtet diesen mit spontaner Bezauberung. Die Sprach- Schnappschüsse aus der Neuen Sachlichkeit des boomenden Berlin geben knapp, kühl und mit etlichen Quäntchen Ironie Auskunft über die metropolitanen Alltage der Büros und möblierten Zimmer. Geboren am 2. Juni 1907 in einem polnischen Flecken nahe dem Ort, welcher unter dem deutschen Namen «Auschwitz» zum Golgatha der Epoche werden sollte, wurde die über Frankfurt nach Berlin naturalisierte Dichterin vom Ungeist der Zeit um Werk und Leben betrogen: Denn mit dem Jahr des Débuts datiert auch schon wieder das Finale, 1933 brannte ihr Bändchen mit. Erst 1956 – Rowohlt war treu geblieben – wurde es wieder aufgelegt und kehrte die Dichterin erstmals aus ihrem Exil in Greenwich Village nach Deutschland zurück.
All das erzählt - zum Teil aus fremden Quellen, zum Teil aus eigenem Erleben und aus dem Nachlass, den sie pflegt - die bekannte Rezitatorin Gisela Zoch-Westphal. Voller Anteilnahme folgt sie einer «Karriere» der Fremdheit zwischen Polen und Deutschland, Amerika und Israel. Die akustische Spurensuche birgt echte Entdeckungen – etwa eine Reportage über das jüdische East End - , leider aber auch manche Redundanz. Dafür fehlt der von Zoch-Westphal an anderen Stellen unverhohlen angemerkte Eklat um Kalékos Zurückweisung des Fontane-Preises – auch Marcel Reich Ranicki wies kürzlich dezidiert auf diese hin: Mascha weigerte sich, 1960 eine Auszeichnung von Gnaden eines Jurors (Hans Egon Holthusen) anzunehmen, dessen ehemalige SS-Mitgliedschaft bekannt war.
Die Streichung dieser hässlichen Episode aus dem Hörbuchskript passt gut zu der harmonisierenden Anlage einer Edition, die im Geiste melancholischer Beschaulichkeit viel Genaues hingibt. Von einer etwa tarierenden Regie völlig alleine gelassen, schiesst die – verständliche - Empathie weit über ihr Ziel: Statt klarer Kommentare erhalten wir viele «gefühlte» Prädikate, statt eines professionellen Tons ein dumpfes Blubbern. Hier wurden nämlich nicht die historischen Tondokumente in ein feinkörnigeres Heute herauf gefiltert, sondern umgekehrt die neue Einspielung auf den historischen Pegel hinunter gedrückt. Gerade am Beispiel des Lebens und Werks der Mascha Kaléko ist diese Produktion ein besonders trauriges Symptom für die unerhörte akustische Verwahrlosung vieler Titel der explodierenden Hörbuchszene. Eine nach Radiostandards «sendefähige» Qualität entsteht so nicht.
Mascha Kaléko: Interview mit mir selbst. Durch Leben und Werk führen Gisela Zoch-Westphal und Gerd Wameling, 2 CDs (118 Min.), Deutsche Grammophon Literatur 2007















aktuellste kommentare