Micheal Lentz : Ego im Extremen

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NZZ , 5. 2. 2010

czz – Dass Michael Lentz, Professor am Leipziger Literaturinstitut, sich in keiner Weise die Hörner heftigen Sprachbegehrens abgestossen hat, erweist eine CD-Edition, die zwei performativ ausgereifte Produktionen für den Bayerischen Rundfunk vorstellt. Beide Male geht es um psychische Extremsituationen, die in weitgehend monologischer Entäusserung vorgeführt werden.

Redet, schreit, lärmt und hämmert Lentz’ in “muttersterben” (2002) zunächst gegen das Unfassbare des Todes an, bezieht seine zirkuläre Suada immer weiter reichende Umstände des Dahinsiechens mit ein: die Schicksalsergebenheit der Moribunden, die Maschinerie des Spitals.

Wo es Lentz’ rasend zentrifugalen Spiralen nicht gelingt, das Unsägliche “kleinzureden”, akzentuieren Zitate aus Josef Anton Riedls metallisch krachender “Paper Music II” die sprachliche Karambolage mit dem status quo.

Eine wesentlichere Rolle spielen Ernst Horns Kompositionen im rezenteren Sprechstück “klinik” (2008). Die irisierenden Schwebungen sind dazu angetan, die Wahrheit des Gesagten zu unterminieren. Subtil sind in der sensiblen Dramatisierung einer Psychose Indizien platziert, die anfängliche Annahmen zunichte machen. Was beim Rasieren vor dem Spiegel als Selbstgespräch beginnt, wird von einer fernmündlich weiblichen Stimme gestört, die – angeblich aus einer psychiatrischen Klinik – dem Sprecher ihre Liebe andient.

Zunehmend gerät dem scheinbar gesunden Protagonisten die Telefonie zum Medium jenes Stimmenhörens, welches die unsichtbare Anonyma auf der anderen Seite quält. Dabei ist Situation des Erzählers längst unmerklich ins Kippen geraten, sodass das Finale des vexierenden Hörstückes uns im Unklaren darüber lässt, wem denn dieses Stimmenhören eigentlich widerfahre.

Sophia Siebert gibt ein treffliches Alter Ego, dessen rheinischer Zungenschlag dem Motiv einer Dissoziation im Echoraum fremder Einflüsterungen frappierende Dringlichkeit gibt.

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