Musil, akustisch aufgemischt

MUSIL , AKUSTISCH AUFGEMISCHT

| echt welt texte |

NZZ , 4. 5. 2005

Als ein knappes Jahr nach dem Hessischen der Bayerische Rundfunk eine radiophone Großproduktion des Mannes ohne Eigenschaften annoncierte, lag der Kalauer über eine “Parallelaktion” nahe. So, wie im Roman eine kakanische Elite das 30jährige Thronjubiläum des deutschen Kaisers durch eine panoramatische Feier der siebzigjährigen Regenz Franz Josephs I. zu überbieten trachtet, folgt auf die von den Hessen produzierte Lesung der ersten 123 Kapitel (NZZ, 29. 9. 2004) nun eine von den bayrischen Kollegen luxuriös gedachte und gemachte Einspielung, welche dem Romantitel beziehungsreich die Kategorie “Remix” beifügt. Die Gleichzeitigkeit der beiden – von Deutschlands renommiertesten Hörspielabteilungen unternommenen – Produktionen verdankt sich nicht zuletzt den Anregungen Carl Corinos, dessen Musil-Biographie 2003 erschien.

Mit der titelgebenden Genrebezeichnung “Remix” signalisiert Klaus Buhlerts polyphone Sprech-Komposition die Bezugnahme auf Wolfram Bergers Vorlesung und deren Textgrundlage – die pionierhafte (mancherseits als “begradigt” kritisierte) Buchausgabe von Adolf Frisé. Zugleich pointiert der aus der DJ-Kultur entlehnte Begriff des “Remix” ein dramaturgisches Verfahren, das die unterschiedlichsten Materialien heranzieht und ein-”mischt”. Bei einem Romantorso, dessen veröffentlichte Version wie die Spitze eines Eisbergs aus einem Massiv von Vor-, Nach- und Umschriften ragt, erscheint die “Aufmischung” des bekannten Lesetextes durch unterirdische Materialien aus dem Nachlass als treffliche Lösung, die dem von Musil mehrfach notierten Strukturideal einer “Katakombe” sinnfällig nahe kommt. So ist der Hörer schon eine ganze Weile der Stimme Manfred Zapatkas gefolgt, der in der Rolle der Schriftstellers durch ein Labyrinth von Entwürfen, Versionen und Notaten führt, ehe die aus dem Buch bekannte Erzählung anhebt. Diese musste – und das ist das Kühne und Gelungene des von Katarina Agathos und Herbert Kapfer umsichtig erstellten Skriptes – freilich ausgedünnt und auf wesentliche Stränge reduziert werden, um Raum für die “Einmischungen” zu schaffen.

Auf Grundlage der CD-Rom-Edition (1992) und der im Entstehen befindlichen “Kommentierten digitalen Gesamtausgabe Robert Musil” (Universität Klagenfurt) entsteht auch akustisch ein echt Musil’scher Möglichkeitsraum, in dem sich um jede veröffentlichte Sequenz eine ganze Corona von Versionen und Alternativen anlagert. Wo solcherart hinreichend Material für eine vielstimmige Hörspiel-Umsetzung von Text und Subtexten gegeben wäre, lässt der ambitionierte “Remix” es dabei allerdings nicht bewenden. Die Entscheidung, die von Musil erzählten Szenen zu dramatisieren und in Rollen zu splitten, mag auf den ersten Blick der Belebung des akustischen Geländes dienen, führt aber letztlich in die Sackgasse einer Personalisierung, welche Musils skeptisch-ironische Erzählhaltung sorgfältig vermied. So trefflich sich Ignaz Kirchner (Fischel) oder Wolf Bachofner (Stumm von Bordwehr) in ihre Rollen schmiegen, so gnadenlos gehen Ulrich Matthes als “Mann ohne Eigenschaften” und Sunnyi Melles als Bonadea an die Grenzen der Karikatur. Josef Bierbichler bleibt stets er selbst, urbayrisch, und trägt den steirischen Frauenmörder wie ein Plakat vor sich her. Viel näher kommt dieser Figur Elfriede Jelineks heisskalte Moosbrugger-Prosa, die in den “Remix” zusätzlich eingemischt wurde. In nachgerade barocker Furcht vor der Leere (heute: die Angst, zu langweilen) zieht die Produktion auch noch die Stimmen von namhaften Interpreten und Philologen heran, um den Musil’schen Kosmos zu erklären. Carl Corinos pastorale Kommentare, Alexander Kluges und Volker Schlöndorffs nicht uneitle Verfilmungsphantasieren lasten wortlaut auf einem an sich grossartigen Projekt, das Gefahr läuft, an der eigenen Opulenz zu ersticken. Die – man muss es so sagen – abstruse Dramatisierung sowie die häufige Beschwörung der Filmmetapher bezeugen darüber hinaus ein merkwürdiges Misstrauen hinsichtlich der Strahlkraft des akustischen Textes.

Der kristallin-gleissenden Härte und der luziden Vielschichtigkeit der Erzählkunst Robert Musils trägt eine Einspielung der “Drei Frauen” Rechnung, die das kleine Label tacheles eben veröffentlicht hat. In der härteren Diktion des Otto Sander und der feminineren des Christoph Waltz kommen die 1924 erstmals veröffentlichten Novellen “Grigia”, “Die Portugiesin” und “Tonka” zu jener unerbittlichen Geltung, welche erweist, dass Robert Musil weiterhin Zeitgenosse bleibt.

  • Robert Musil – Der Mann ohne Eigenschaften, Lesung Wolfram Berger – Zweitausendeins 2004
  • Robert Musi – Der Mann ohne Eigenschaften – Hörspiel – BR | Der Hörverlag 2004
  • Robert Musil – Drei Frauen – Lesung Otto Sander , Christoph Waltz – tacheles | Roof Music 2005

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