Highsmith, giftig dosiert
NZZ, Phono, 1. 6. 2007
czz - «It’s all there, every bit of every evil anyone ever had.» In jedem, so die Arbeitshypothese der Patricia Highsmith, schlummert die Möglichkeit des Bösen: Mehr die Umstände denn der Wille zeitigen die Reifung des Keims. Aus dieser Formulierung der raffinierten Regisseurin beizender Beziehungen folgert zweierlei: Zum einen widerspricht die These von unserm brutalen Humanpotenzial dem humanistischen Gedanken von der selbstbestimmten «Würde des Menschen» (Pico della Mirandola). Zum andern besagt dieses «It’s all there», dass nichts verloren geht: weder die winzigen Quanten von Ressentiment, welche sich peu à peu zur kritisch mörderischen Masse mehren, noch die Spuren eines Verbrechens. Mit infam intellektuellem Vergnügen lassen sich Highsmiths dunkle Befunde über die Menschennatur auf der CD-Ausgabe hören, die der Diogenes-Verlag der Neuübersetzung des Gesamtwerks nachschickt. «Leise, leise im Wind» wehen die sterblichen Reste einer Nachbarschaftsfehde, die – E. A. Poe hat es im «Entwendeten Brief» vorgeführt – in der Offensichtlichkeit einer Vogelscheuche perfekt versteckt sind. Aber nur fast: Denn es geht nichts verloren, und oft lässt Highsmith den noch wenig verformten Instinkt von Kindern und Tieren die Fehler einer Situation zielstrebig wittern und finden. Der Gegenrede nicht fähig, dem Menschen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, gilt Highsmiths ganze Empathie der Kreatur, der sie in ihren «Kleinen Mordgeschichten für Tierfreunde» reiches Rache-Recht gewährt. Die venezianische Ratte, der Gentleman-Kater Ming, die Elefanten-Dame im zoologischen Garten: Punktgenau nutzen sie die Gelegenheit ihres Lebens und geben Verletzungen und Demütigungen zurück. Den Gipfel der Grausamkeit gibt das Szenario einer Legebatterie: Hier genügt eine kleine Handreichung der Gattin, den Herrn und Meister von Familie und Farm buchstäblich unter die Hühner zu bringen. Das Virtuose und vielleicht Frappierendste dieser Geschichten ist: In ihnen begegnen wir unserer eigenen Phantasie. Eben: «It’s all there.»
Patricia Highsmith: Der Mann, der seine Bücher im Kopf schrieb / Leise, leise im Wind, Deutsch von Werner Richter, Lesung: Jochen Striebeck, 1 CD (72 Min.). – Kleine Mordgeschichten für Tierfreunde, Deutsch von Melanie Walz, Lesung: Alice Schwarzer, 2 CD (145 Min.). Beide: Diogenes-Hörbuch 2006, 2007.















aktuellste kommentare