NZZ , 6. 7. 2005

czz - Es kann zur “Festschrift in eigener Sache” geraten oder zum fortgesetzten “Testament” : Als Peter Rühmkorf sich im April 1971 zur Anlage eines Tagebuchs entschloss , wusste er um die Versuchungen und möglichen unerwünschten Nebenwirkungen des Genres . Was der Augenblick dem intimen Chronisten diktiert , läuft stets Gefahr , zur peinlichen Halde von Hybris und Hypochondrie aufzulaufen .

Als Alleinausbeuter der eigenen Person und deren Empfindlichkeiten blickt sich der Schriftsteller beim diaristischen Unterfangen doppelt über die Schulter : Seine Chronologie der Lebenswellen , sein Logbuch der Flauten muss dem Anspruch der Authentizität im sprachlichen Jetzt nicht minder standhalten als einer literarischen Lektüre durch die Nachwelt . Indes erweisen mittlerweile zwei - unter dem doppeldeutigen Titel “Tabu” publizierte - Tranchen aus Rühmkorfs gross angelegter Lebens- und Zeitmitschrift , dass dem Akrobaten der poetischen Skepsis ein eminenter Beitrag zur Tradition des “europäischen Tagebuchs” ( Gustav René Hocke ) geglückt ist .

Einen anregenden Appetizer bietet da die Einspielung, die der 75jährige Autor für den Norddeutschen Rundfunk aufgenommen hat : Rühmkorfs mokant- melancholische Stimme instrumentiert einen - auch dichterischen dichten - Mix aus Tagesthemen und ( gesellschafts- ) politischen Apercus , Beobachtungen aus dem Betrieb und aufschlussreichen Ansichten von der täglichen Arbeit am Sisyphusberg des Selbstumgangs .

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