Proust lesen lassen !

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NZZ , 7. 11. 2008

czz – In der Bibliothek der ungelesenen Bücher nimmt Prousts «Suche nach der verlorenen Zeit» einen Spitzenplatz ein. Auch beherzte Kampfleser verirren sich in den Satzlabyrinthen oder verlieren die Lust am ätzenden Gesellschaftsporträt inmitten der mehrtausendseitigen Bleiwüste.

Wer indes bereit ist, den Purismus eigener Leistung beiseitezulassen und sich berufener Assistenz anzuvertrauen, muss auf die Kenntnis der «Recherche» nicht verzichten: Mit «Sodom und Gomorra» liefert der Hörverlag nun bereits CD-Paket Numero vier jener integralen Lesung, welche der Sender Berlin-Brandenburg in einem herkulischen Unterfangen unternahm. Peter Matics ebenso nobles wie elastisches Organ dringt bis in die Kapillaren der Konstruktion, enträt jedoch nie jener – den mikroskopischen Absurditäten der kapriziösen Salons inhärente – Komik. Nämliches gilt für die Innensichten der Erzählerfigur, ganz Kind einer überfeinerten Décadence. Die blendend vorbereitete Lesung des Werks erweitert den Wahrnehmungsraum, indem sie dessen vertrackte Syntax mit den Beobachtungen und Bonmots glänzend vermählt.

Eine andere Methode zur Bewältigung des Mammutwerks hat der Dichter Jochen Schmidt gewählt: Als Marathonläufer bestens aufgestellt, hat er sich über Monate hinweg ein tägliches Lesepensum von zwanzig Seiten verordnet und die jeweilige Leseerfahrung rendu in einem Weblog protokolliert. Die Internet-Notate «Schmidt liest Proust» wurden nun in ein veritables Buch gegossen, das manch unkonventionelle Perspektive bietet: In diesem Fall ist es das betont subjektive und die Nöte eines jungen Autors mit verzeichnende Digest der «Recherche», welches teils tiefe, teils pfiffige Erkenntnisse zeitigt. Etwas sparsam wirkt die dem Band beigefügte CD – Schmidt hat definitiv mehr zu sagen, als eine Audio-CD von 64 Minuten erlaubt.

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