Manifest gegen soziale Betriebsblindheit
Hörspielpreis der Kriegsblinden an Schorsch Kamerun
NZZ , Medien, 8. 6. 2007
Christiane Zintzen
Schorsch Kamerun wurde mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichnet. «Ein Menschenbild, das in seiner Summe Null ergibt» ist laut der Jury ein «irritierendes Stück Gesellschaftskritik».
Der Anciennität nach könnte der «Hörspielpreis der Kriegsblinden» im 56. Jahr seiner Vergabe als graue Eminenz erscheinen. Das Gegenteil ist jedoch der Fall: Die Auszeichnung favorisiert den Autoren und Formen nach klar akute und mutige Produktionen. Damit unterscheidet sie sich markant von den vielen Preisen, Pokalen und Publikumslieblingen, welche die Marketingabteilungen der Radiobranche kreieren.
Renommierte Preisträger
Zur Geschichte und zum Wissen über die durch den «Hörspielpreis der Kriegsblinden» geadelten Werke ist allerdings anzumerken, dass sich die literarisch notierten Arbeiten etwa von Bachmann, Eich oder Dürrenmatt wie eine Deckerinnerung über jene Werke legen, deren experimentelle Eigenart sich nie «gut zum Druck» in Buchform bringen liessen: Ernst Jandls und Friederike Mayröckers «Fünf Mann Menschen» tönt heute noch so brisant wie im Preisjahr 1969. Dasselbe gilt für musikalisch komponierte und notierte Werke wie Mauricio Kagels «Tribun» (1980) beziehungsweise «Die Befreiung des Prometheus» von Heiner Goebbels und Heiner Müller (1986).
Wenn nun in diesem Jahr Schorsch Kameruns straff getaktete Sozialcollage «Ein Menschenbild, das in seiner Summe Null ergibt» (WDR) mit dem Ehrenpreis versehen wird, bestätigt diese Kür zwei Trends im Hörspiel des öffentlichen Radios: die Tendenz zur Spezialisierung einzelner Sender sowie das Ende der sechziger Jahre begonnene und heute vollendete Projekt der Durchdringung von Kunst und Pop, «hoher» und «trivialer» Kultur.
Zum einen ist nicht zu übersehen, dass die Preise der jüngeren Jahrzehnte oft den mächtigen Hörkunst-Ressorts von Westdeutschem, Hessischem und Bayerischem Rundfunk zufielen. Darin zeigt sich die fortschreitende ökonomische und symbolische Differenzierung der ARD-Sender, deren potente Player sich die parallele Produktion von traditionellen, experimentellen und Pop-Hörspielen leisten. Kleinere und dürftiger dotierte Landesanstalten sind auf Kooperationen angewiesen, sofern sie sich nicht überhaupt anderen - etwa produktionstechnischen - Experimentierfeldern zuwenden.
Der zweite Trend betrifft die mit Pop-Elementen durchsetzte medienpolitische Selbstreflexion des Hörspiels. Die 1995 und 2002 ausgezeichneten Arbeiten Andreas Ammers führen die zirzensische Mediengesellschaft in halbdokumentarischen Spektakelformaten vor; das Gleiche gilt für die 2001 und 2002 gekürten Klangcollagen von Walter Filz («Pitcher», WDR) und Christoph Schlingensief («Rosebud», WDR). Nach Michaela Meliáns meditativer Erinnerung an die Lagerstadt «Föhrenwald» (BR, 2006) und Stefan Weigls diskret instrumentiertem Doku-Drama «Stripped - Ein Leben in Kontoauszügen» (WDR, 2005) tritt nun mit dem 1963 als Thomas Sehl geborenen Schorsch Kamerun wieder ein Rock-erprobter Sänger und Theatermacher an die akustische Rampe, um dort auf die Pauke zu hauen.
Pathologie des Alltagslebens
«Ein Menschenbild, das in seiner Summe Null ergibt» beleuchtet in Form einer fiktiven Show Szenen aus der Pathologie des Alltagslebens von Praktikanten und ähnlichem Personal in prekärer Lage. «Dieses irritierende Stück Gesellschaftskritik», so die Begründung der Jury, «überzeugte in der Radikalität der Aussage und dem souveränen Gebrauch des Mediums Radio.» Auf Anfrage nennt Kamerun seine Mischung aus Pop und Soap, Fakt und Fiktion, Script und Improvisation eine «Überprüfungsrevue», welche die beschädigten Leben junger Menschen vorführt, ohne den Versuchungen des Pathos, des Sozialpornos oder der Satire zu erliegen.
Obgleich in diesem Jahr erstmals auch schweizerische und österreichische Produktionen zur Debatte standen, hat wieder ein WDR-Werk das Rennen gemacht. Am 4. Juni wurde Schorsch Kamerun der «Hörspielpreis der Kriegsblinden 2007» für sein grelles Manifest gegen gesellschaftliche Betriebsblindheit verliehen.
Schorsch Kameruns Hörspiel «Ein Menschenbild, das in seiner Summe Null ergibt» wird an folgenden Terminen erneut gesendet: WDR 3, Montag, 2. Juli, 23.05-24.00 Uhr; WDR/1LIVE, Dienstag, 24. Juli, 23.00-24.00 Uhr.















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