NZZ , 5. 3. 2010
czz – Als “Überauss lustig / und maenniglich / nutzlich zu lesen” empfahl die ausschweifende Titulatur ein Werk, welches allerdings bis anhin zu den prominenten Titeln der Bibliothek ungelesener Bücher angehörte. Was Jakob Christoffel von Grimmelshausen mit dem “Abentheuerlichen Simplicissimus Teutsch” 1668/69 in die lesende Welt entliess, darf man in Sachen handlungspraller Textur und narrativer Raffinesse zur romanesken Weltliteratur zählen.
Einer “lustigen” Rezeption entgegen standen bislang barocke Satzkaskaden in Kombination mit einer Haken schlagenden Handlung. Jetzt, da Reinhard Kaiser mit langem Atem und Spass am sprachlichen Aberwitz den Staub von 340 Jahren fort geblasen hat, steht ein epochales Werk zu entdecken.
Waren die Bearbeitungen des 19.Jahrhunders darauf bedacht, dem Text das Derbe und Drastische, das Leibliche und Erotische, kurzum: das faktisch und sprachlich Ausschweifende auszutreiben, fördert die Übertragung in die heutige Sprachform ein stupendes Spektrum von Idio-, Dia- und Soziolekten zu Tage. Wobei beispielsweise des Simplicius’ Bericht über die eigenen Narreteien selbstredend den Hohen Ton der Gehrten und Pfaffen parodiert.
Die muntere Ich-Erzählung und vielerlei szenischen Einsprengsel prädestinieren den Text zur auditiven Darreichung. Mit Verve beweist Felix von Manteuffel im Zuge der 25-stündigen Lesung seine Qualitäten sowohl als “Steher” als auch diejenigen des “Sprinters” durch dramatische Szenen.
- H. J. Christoffel von Grimmelshausen: Der abenteuerliche Simplicissimus Deutsch, aus dem Deutschen des 17. Jahrhunderts von Reinhard Kaiser, Lesung: Felix von Manteuffel, 18 CD (1.500 Min.), HR2 | Eichborn 2009
- Hörbuch des Monats November – Tübnger Rhetorik
- Hörbuchbestenliste Dezember 2009 | hr2
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