czz – Wo in der Pop-Musik noch der geringste Textrest als «lyrics» durchgeht und man im Radio jedes Stück Lyrik zwischen gefällige Klänge setzt, steht es um die Autonomie der Poesie nicht zum Besten. Ein unfreiwilliges Exempel für die nach aussen effektheischende, innerlich aber sterile musikalische Auffassung moderner Dichtung gibt der Zyklus «Recitement», den der niederländische Filmkomponist Stephen Emmer mit beträchtlichem Aufwand ausrichtet.
Die Anthologie mit Autoren wie Charles Baudelaire, Gerard Manley Hopkins, Paul Theroux und Yoko Ono – gesprochen von Grössen wie Lou Reed und Richard Burton – ist dabei mindestens so beeindruckend wie das Originalton-Material von Jorge Luis Borges, Allen Ginsberg, Hugo Claus und einige Samples «Kurt Schwitters». Hinsichtlich der Texte, Interpreten sowie mit dem Engagement des Studio-Superstars Tony Visconti bietet man auf, was gut oder teuer ist. Das adrett elegische Video «Passengers» (nach Paul Theroux, mit Lou Reed) rundet die umfassende PR via YouTube ab.
Im Wesentlichen belaufen sich Emmers musikalische Adaptierungen der poetischen Texte allerdings auf «Easy Listening»-Arrangements unter reichlichem Einsatz synthetischer Geigen. Die dekorativen Klangbilder planieren den Eigensinn der Dichtung, so dass die Texte seltsam aseptisch anmuten. Zwar steht der Komponist nicht an, sein passables Genre-Repertoire auszuspielen, doch verharren diese «Stimmungen» durchwegs in polierten Klischees. Wo Baudelaire nach Serge Gainsbourg klingt und Borges wie Latino-Muzak , gibt sich das Sein gegenüber dem Design geschlagen.
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Stephen Emmer : Recitement – 1 CD (55 Min.) – Supertracks Records 2008
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