NZZ, 13. 4. 2006
czz - Martin Suter hat es mit den Systemen, je spezieller und je abgezirkelter, desto lieber: Seine Szenen aus der «Business Class» wurden als Anti-Knigge in CEO-Kreisen Legende, desgleichen haben sich die konsequenten Stil-Missgriffe des Lässigkeits-Strebers Geri Weibel zu einer Chronik der Moden gereiht. Auch für die Romane – deren erster und jüngster nun in akustischer Fassung vorliegen – hat der detailverliebte Autor keine Mühen gescheut, sich in Biotope, Themen und Attitüden einzuarbeiten. Mit «Small World» brach der Autor 1997 das Tabu, die Zersetzung der Persönlichkeit durch die Alzheimer-Krankheit in die Unterhaltungsliteratur einzuführen; ja: er nutzte das spezifische Überwuchern des Nahgedächtnisses durch die Bilder der Früherinnerung gezielt für eine gefinkelte Kriminal-Intrige. Von Dietmar Mues mit Takt und unsentimentalisch gegeben, weicht das schwindende Bewusstsein des Patienten weit in die Tiefe jener Zeiten zurück, wo die Leichen seiner renommierten Ziehfamilie begraben liegen. Auch für sein neues - nicht zufällig Albert Hofmann, dem «Erfinder» des LSD, gewidmetes – Buch «Der Teufel von Mailand» greift Suter ins Warenlager seelischer Ausnahmezustände. Im Unterschied zu «Small World» sind die akribisch beschriebenen Wahrnehmungserweiterungen jedoch dem Plot nicht wesentlich, sondern dienen als Atmosphären-Verstärker für unheimliche Umtriebe in einem Wellness-Ressort. Die Fülle falscher Fährten – Mystik, Massagen und Meridiane – mögen hier, da und dem Genre gemäss die Spannung steigern: Bei näherer Betrachtung sind die Recherche-Effekte allerdings eher dazu angetan, die magere Grundidee des Romans aufzufetten.
Martin Suter: Der Teufel von Mailand, Lesung: Julia Fischer, 6 CDs (452 Min.), Diogenes Hörbuch 2006; Martin Suter: Small World, Lesung: Dietmar Mues, 5 CDs (388 Min.), HörbucHHamburg 2003















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