echt | welt | texte

In : NZZ , 4. 10. 2006

czz - Was wäre aus Goethes und Schillers “Xenien” geworden , hätten sie als Dritten im Distichen- Bunde den Sprechdichter Timo Brunke gehabt ? - Als rasend reimender Reporter skandiert der 1972 geborene Performance- Poet seine Nachrichten aus dem beschädigten Leben der Konsumgesellschaft in klassisch getakteten Versen . So behende sein Sprechwerkzeug auf den Wogen einer wortwild gewordenen Warenwelt surft , so schräg oszilliert der Sinn der phänomenologischen Oden und Elegien zwischen Hyper- und Surrealismus : Der Parcours durch das Grobstoffliche eines Baumarktes wird - zwischen “Allmachtsareal” und “Bohnermaschinenhimmel” - ebenso zum meta- physischen Ereignis wie die Delikatessen- Ernte im Supermarkt , sprich “Sortimentopolis” . Ein linguistischer Jacques Tati , stellt Brunkes wörtliche Überdrehtheit die Sprachleergüter aus Funk und Film , Technik und Reklame als tendenziell unmenschlich bloss , verleiht ihnen in anachronistischer Empfindsamkeit mitunter aber auch einen poetisch- elegischen Dreh . Da schiessen Zauberlehrlings- und Prometheus-Motiv im “Konstrukt” zusammen ( “Ich bin das Tool , das Deinen Kühlschrank mit dem Auto kombiniert” ) und postindustrielle Features fügen sich - als buchstäbliche Stereo-Typie - zum salomonischen Hohelied : “Meine Worte möchten ein Martini Bianco sein für Dein linkes Ohr und ein Martini d’Oro für Dein rechtes” .

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