NZZ , 5. 10. 2007
czz - Kann man , fragt man sich bang , eigentlich noch etwas erzählen über Venedig , dieser so tief in die Tinten der Epochen getauchten legendären Lagune ? - Vielleicht bedarf es eben der behänden Wendigkeit eines Schauspielers , um dem genius loci noch Varianten abzugewinnen .
Ulrich Tukur - gross geworden am Hamburger Schauspielhaus , aufgefahren zum Olymp als Salzburger “Jedermann” - hat sich nicht nur in seiner Rollengestaltung den Hang zum Abseitigen , Ambivalenten und Anachronistischen bewahrt . Als Sänger sucht er verblichene Halbseiden und spinnt jetzt auch als Erzähler sein Garn . Dabei wachsen dem Bewohner und Beobachter der einst als Juden- , Verbrecher- und Industrieenklave verrufenen Insel Giudecca die phantastischen Fasern aus der unmittelbaren Lebensumgebung zu : Menschen die – wie man über störrische Kinder spricht – “Geschichten machen” und dies inmitten des weltgeschichtlichen Steinbruchs dieser Stadt .
Mit scheinbar leichter Hand zieht uns dieser sanfte Vagant unversehens auf die Pfade und in den Bann seiner Gedanken . Ist’s wahr , ist’s ersonnen , was er von sonderbaren Wiedergängern , verblichenen Briefen und unheimlichen Puppenstuben berichtet ? - Es mag an der diskret veralteten Sprache liegen oder am geschickten Verschnitt der verschiedensten Lesen aus Literatur , Traum , Rausch und Leben : Was mit dem Tod des Erzählers in den Gärgasen seines Weinkellers beginnt , kann nicht mehr schlimm enden . Dies umso weniger , als Tukurs eminente Sprechtechnik und seine melodische Energie uns nahe bringen , wir sehr wir selbst , eine Jede , ein Jedermann , Teil dieser Phantasmagorie namens “Venedig” sind .
Ulrich Tukur : Die Seerose im Speisesaal . Venezianische Geschichten , Autorenlesung , 4 CDs ( 283 Min. ) , HörbucHHamburg 2007















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