Urs Widmer : Abschied von den Eltern

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NZZ , 6. 6. 2008

czz – Urs Widmer hat seinen persönlichen «Abschied von den Eltern» spät und in ausgereifter Weise ins Werk gesetzt : Zweifellos braucht es einen so sensitiven wie fintenreichen Erzähler , um aus dem dualen Kollektivplural zwei singuläre Figuren zu lösen und diese in ihren historischen und psychischen Horizonten zu zeigen .

Wo mit dem Roman «Der Geliebte der Mutter» ( 2000 ) von Anbeginn ein dritter Mann seinen Schatten über die Kleinfamilie wirft , kann diese nur oberflächlich eine heile sein . Selbst Tochter eines Erzpatriarchen , himmelt Clara den genialen Dirigenten Edwin ein Leben lang an , innerlich immer tiefer in Phantasien versinkend . Widmer respektiert die heillose Logik dieser Seelenwelt , indem er durch Verweben von Fakten und Fiktionen die historischen Personen diskret vernebelt , dabei aber auch Befremdungen im Intimsten notiert .

Das Kind , das im «Mutterbuch» höchstens als Schatten auftaucht oder als Zeuge einer ozeanischen Lebensmüdigkeit , erfährt im Porträt des Vaters ( 2004 ) auch nicht mehr Aufmerksamkeit denn als Adressat phantastischer Tiernamen . Für den leidenschaftlichen Büchermenschen , Lehrer und Übersetzer Walter Widmer schlägt der erzählende Sohn einen andern Takt an : Von den irrlichternden Initiationsriten im Gebirge bis hin zum Lebensbuch , welches der Sohn zu Ende schreibt , weht ein Wirbelwind der Intensität .

Zieht es die Mutter zum Wasser , in ein Weggleiten aus dem Leben , entzünden sich in des Vaters Wesen ständig neue Feuer . Mit unmerklichen Driften zwischen Ironie und Melancholie konturiert der Autor als virtuoser Vorleser die weit über platte Fakten hinausreichende poetische Wahrheit der Figuren . Von autobiografischen Fäden ist auch das Mundarthörspiel «S-Kind-wo-ni-gsi-bi» durchwoben , das der Christoph-Merian-Verlag pünktlich zum 70. Geburtstag des Autors auf CD herausbringt .

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