Wettbewerb 5 Jahre “Wurfsendung” – Laudatio auf Corinna Reinke (Platz 2)

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“Zehnmal Zwitschern” – Lob der Beiläufigkeit . Von Christiane Zintzen

Wurfsendungs- Wettbewerb “Stocken und Zwitschern
Fest und Preisverleihung , Funkhaus Berlin , 20. 2. 2010

Was ist, meine Damen und Herren, liebe Corinna Reinke, eine Pointe ?

Im Reich des landläufigen ( eben wieder karnevalistisch vorüber gedonnerten ) Humors ist es jene Etappe, bis zu welcher sich die jokose Absicht schleppend müht, um dann mit umso grösserem Aplomb auf dieser Stelle niederzusinken. “Setzt” sich – wie es heisst – jemand allzu sehr auf eine Pointe, plättet er deren geschliffene Spitze zu einem groben Keil. Jede eventuelle Komik verschwindet dabei auf Nimmerwiedersehen.

Wenn, wie Sigmund Freud postulierte, der Witz auf der Verschiebung, Verdrehung und der Überführung eines Inhaltes in einen neuen Kontext beruht, dann dient die Komik nicht selten zum Abbau von verdrängten Agressionen gegenüber einer mächtigeren Instanz. Voraussetzung freilich zum Verständnis eines Witzes – und zu dessen Decodierung – ist, dass seine Anspielungen sich auf Dinge, Begriffe und Namen beziehen, welche den Zuhörenden geläufig sind.

In welchem Mass die Titel von Werken solcherart witztauglich sind, war beim Rummel um Charlotte Roche hinlänglich zu studieren. In diesem Fall garantierten Entstellung und Verschiebung manch subkutanen Lustgewinn. Einerseits . Anderseits barg die sprachspielerische Deformation der Feuchtgebiete den Stachel der Gereiztheit gegenüber einem medialen Hype.

Ganz anders, ja geradezu konträr verfährt Corinna Reinke mit jenen literarischen Werktiteln, um die herum sie ihre Episoden von Zehn Mal Zwitschern gruppiert. Man muss wahrlich kein Experte sein, um Der alte Mann und das Meer, Draussen vor der Tür oder Die Suche nach der verlorenen Zeit als weltliterarische Titel zu identifizieren. Ja, man muss sie nicht einmal selbst gelesen haben, um ihr ungefähres Thema zu kennen.

Genau dieses Ungefähre ist jenes Aggregat, in welchem Corinna Reinke in Dialogen, Durchsagen und Mikro-Situationen die schulmässig durchgekauten Titel zum komischen Aufflackern bringt.

DRAUSSEN VOR DER DER TÜR steht heute die GENERATION PRAKTIKUM und schlägt leise, kaum vernehmlich DIE BLECHTROMMEL.

Man muss weder Borchert noch Grass gelesen haben, um die Werke und Titel zu verstehen, die hier in unterkühlter Beiläufigkeit eine gesellschaftspolitische Aussage alimentieren.

Womit einerseits ein lustvoll überraschendes Wieder -Erkennen des Wortlauts von Werktiteln geschieht. Anderseits erzeugt die blosse Zugehörigkeit der angespielten Werke zum kulturellen Kanon eine gewisse anarchische Lust , sich per Wortspiel gegen den permanenten Imperativ dieses Kanons zu wehren .

Wo sonst das Werkzitat die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Peer- Group markiert, dreht Corinna Reinke den Spiess einfach um, indem sie aus dem Garn des Bildungswissens Trivialsituationen häkelt.

Was bemerkenswert ist und die latent destruktive Tendenz bei Namens- Witzeleien konsequent meidet, ist die Drift der vorgestellten Situationen hin zum Aberwitz. Auf diese Weise kann ein deutscher Grossautor in einem einzigen Mikrohörspiel von 18 Sekunden gleich doppelt sein Fett abkriegen, ohne Rufschädigung zu erleiden:

DER TOD IN VENEDIG kam von ganz allein. Thomas wartete MANNhaft, bis die Lagune endlich voll gelaufen war.

Wenn Namen, wie es im Journalismus heisst, “Nachrichten sind” oder als Leistungsnachweis des Bildungsbürgers fungieren, bedienen sich Corinna Reinkes Mikro- Interventionen nonchalant in den Regalen der Klassiker und unterminieren auf beiläufige Weise die Rituale des literarischen Fachsimpelns .

Und es ist gerade diese kalkulierte Beiläufigkeit, welche die Pointe wieder in Stellung bringt .Auch ein Antiwitz kann eine ganz schön spitze Klinge führen: je nebenher, desto trefflicher .

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