NZZ, Phono, 11. 5. 2005
czz – Als hätte er geahnt, dass mit dem Machtantritt Hitlers der Anfang seines persönlichen Endes begann – er wird sich 1940 auf der Flucht das Leben nehmen -, begab sich Walter Benjamin 1932/33 auf seine Suche nach der verlorenen Zeit: Die «Berliner Kindheit», welche bei dieser Recherche in die glimmende Stilbrillanz des Schriftsteller-Philosophen trat, offenbart sich – anders als der ruhige Fluss des Proust’schen Erzählens – in kondensierten Vignetten. Es sind keine Ereignisse, welche Benjamin aus abgeschatteten Bewusstseinszonen birgt, sondern Aufnahmen von Atmosphären, Objekten und Orten. Die Kulissen für Benjamins sinnliche Physignomik bleiben dabei die stillen Zimmerfluchten und Korridore eines Grossbürgertums, das seine historische Überreife wie in «hochherrschaftlich möblieren» Schatullen bewahrt. Die vom Kind durchforschten Schränke werden zur Metapher der Wohnungs-«Futterale», anderseits aber auch zum metaphysischen Abbild des Stauraums der Erinnerung. Wo es – wie bei Benjamin – oft akustische Reize sind, die den «Choc» des plötzlichen Innewerdens auslösen, ist die Ver-Lautbarung seiner poetischen Memoiren im audiophonen Medium bestens angezeigt. Christian Brückners warm fasriges Timbre tritt vertraut (als Synchronstimme Robert de Niros) und doch mit jedem Satz Benjamins neu auf den Hörer zu und gestaltet die akustische Recherche zu reiner Freude.
Walter Benjamin: Berliner Kindheit um Neunzehnhundert. Lesung (Christian Brückner), 2 CD (154 Min.). Edition Parlando / Hoffmann & Campe 2005







