NZZ, Phono, 4. 12. 2003
czz – Wo im Text Worte und Zeilen zählen, ticken im Radio Minuten. Der Philosoph Walter Benjamin hat dies nicht nur in seinen wesentlichen Reflexionen zur aufkommenden massenmedialen Radiophonie der Weimarer Republik überlegt, sondern auch selbst überführt in praktische Rundfunkarbeit. Ihm gehe es wie dem Apotheker, erklärt sich der unprofessorale Philosoph einem jugendlichen Hörerkreis: seine Feinstoffe seien die Minuten. Wie in der Pharmazie beruhe die erzählende Rezeptur auf ihrer «richtigen» Mischung. Es ist ein in Vielem überraschender, in Anderem vertrauter Walter Benjamin, welchen uns die didaktischen Rundfunkarbeiten der Jahre 1929 bis 1932 vorstellen. Ob er uns an seinem Ariadnefaden durch das Gassenlabyrinth Pompejis geleitet, den weitreichenden Spuren von Zigeunerkarren folgt oder in einem literarischen Hunde-Capriccio letztlich auf den Menschen kommt: Es weiten die knapp halbstündigen Orts- und Themenbegehungen auf verblüffende Weise den Blick, ohne die Gegenstände wertend zu färben. Harald Wiesers Textauswahl ist dabei so erfreulich wie seine Stimme, welche – mangels der Überlieferung von Originalaufnahmen – die Benjamin’sche Rede in sanfter Sachlichkeit tariert. Man möge sich also nicht täuschen: Was Aufklärung für Kinder verspricht, beschert gerade Älteren manche akustische Einsicht.
Walter Benjamin: Aufklärung für Kinder. Von Zigeunern, Hunden, Kaspar Hauser und Pompeji – nicht nur für Kinder. 2 CD (114 Min.), Radio Bremen / Hoffmann und Campe 2003







