DU 771 , Metrospektive Wien , November 2006 – Von Christiane Zintzen
Es hat hier und nur hier sein müssen , sagt man , dass die Psychoanalyse erfunden wurde . Wo , wie in Wien , die Innenstadt von einer Ringstrasse umgürtet wird , auf welcher die Trambahnlinie Numero 1 im Uhrzeigersinn und die Trambahnlinie Numero 2 in Gegenrichtung rundum spuren , da erblickt , wer in Fahrtrichtung schaut , sich vorauseilend quasi von hinten . Die Wiederkehr des Verdrängten passiert also in jedem Fall , frontal oder a tergo .
GEIST UND VERDRÄNGUNG AM “RING”
Wie sich Verdrängen und Erinnern verschränken , belegt schon der Sachverhalt , dass die Ringstrasse just auf Höhe der Universität noch immer den Namen des frank antisemitischen Bürgermeisters Karl Lueger trägt und nicht – wie dies einige Professoren seit Jahren fordern – die Signatur Sigmund Freuds . Wen kümmert’s , dass die Historikerin Brigitte Hamann zwingend nachwies , wie nachhaltig das Lueger- Wien den jungen Hitler prägte ? Indirekt arbeitete der Stadtpatron damit also der Vertreibung Freuds zu , nach welchem heute gerade mal das geschundene Grün zwischen Uni , Ring und Votivkirche heisst .
GEIST UND VERDRÄNGUNG IM WEICHBILD
Wo der 1938 vertriebene Geist am Ring vergeblich auf Rehabilitierung wartet , wird vor den Toren Wiens an einer Elite- Hochschule gebastelt , die – Genie und Wahn als klassische Nachbarn – auf dem Gelände der historischen Landesnervenheilanstalt Maria Gugging aufzustellen sei . Mittlerweile liess man immerhin davon ab , das umstrittene Projekt schmissig “WIT” ( Wittgenstein Institute of Technology ) zu nennen und optiert nun für ein schlichteres ISTA ( Institute of Science and Technology – Austria ) . Wo für die technologischen Nägel noch längst keine Köpfe gemacht wurden , bezogen die illuminierten Künste mit Anfang Juli ein stolzes Ausstellungshaus , welches – zusammen mit dem von Leo Navratil als “Zentrum für Kunst- und Psychotherapie” eingerichteten “Haus der Künstler” – als “Art / Brut Center Gugging” nach Beachtung trachtet . Die Eröffnungsausstellung “Blug – Vier Jahrzehnte Kunst aus Gugging” bezeugt mit an die 500 Exponaten sinnfällig , wie weise die Geister sind , die kein Human Resources Manager je riefe . Allerdings gilt auch für die Nervenheilanstalt Gugging, dass nur glücklich ist , wer vergisst , was – wie die “wilde Euthanasie” an Patienten während der NS-Zeit – nicht mehr zu ändern ist .
VOM HINLEGEN – BRECHT UND FREUD
Wer solches Laissez-Aller intellektuell verbrämt , zitiert Wittgensteins Satz von der Welt , die sei , was der Fall sei . “Oder” , meldet sich da die Psychoanalyse fragend zurück und mit ihr der Unterleib , “ist die Welt nicht eher , was der Phall ist ?” – Die englische Sprache beschenkt uns für solche Fehlleistungen mit dem kessen Terminus des “Freudian slip” . Wenn man nun schon einmal auf dem gewienerten Wortlaut ausgeglitten und im Pfuhl des Unbewussten gelandet ist , “Ja , da muss man” , – wie uns Polly in der “Dreigroschenoper” nahe legt , “Ja , da muss man sich doch einfach hinlegen / Ja , da kann man doch nicht einfach kalt und herzlos sein .” In der Wertschätzung des Sich- Hinlegens dürften sich zwei der Kalenderhelden des Jahres – Sigmund Freud ( 150. Geburtstag ) und Bert Brecht ( 50. Todestag ) – einvernehmlich die Hände reichen . Mit ihrem Werk haben beide die Illusion , der Bürger sei Herr im Haus des Bewusstseins , erschüttert . Es läuft auf dasselbe hinaus , komme nun das Fressen ( Brecht ) oder der Eros ( Freud ) vor der Moral .
VOM DENKEN IM LIEGEN – DIE COUCH
Über “Die Couch” und “Vom Denken im Liegen” handelt jedenfalls die inspirierte Ausstellung , welche im Sigmund Freud-Museum eingerichtet ist . Obgleich Freuds originales Möbel in London blieb , hat man in der Berggasse eine Kollektion zeitgenössischer Ruhebetten , Recamièren und Chaiselongues assembliert . Als beredte Objekte bezeichnen die diskreten Sitz- und Liegemöbel den Ort der Psychoanalyse zwischen dem Licht ärztlicher Aufklärung , dem Chiaroscuro gelebter Symptomatik und der Dunkelkammer dämmernden Bewusstseins . Das Sofa als Suhle , das Sofa zur Kur : Die bildende Kunst phantasiert über Thema und Variation , von dekadenten Lotterbetten über die exquisiten Körper der Surrealisten bis hin zu der denkwürdigen Serie von Aufnahmen , welche die Fotografin Shellburne Thurber von Praxisräumen angefertigt hat . Die Welt als Liege und Vorstellung findet in diesen Innenräumen ebenso statt, wie die Welt als Lüge und Verstellung rundherum draussen .
- “Die Couch: Vom Denken im Liegen” , bis 5. 11. 2006 . Ab 23. 11. 2006 : “Rainer über Freud . Übermalungen von Fotoportraits Sigmund Freuds durch Arnulf Rainer” – Sigmund Freud Museum , Berggasse 19 , 1090 Wien – www.freud-museum.at
- “Blug – Vier Jahrzehnte Kunst aus Gugging” , bis 14. 1. 2007 – Art Brut Center , 3400 Maria Gugging – www.gugging.org |||







