Brigitte Salanda : Buch für Buch

Ein Gespräch mit der legendären Wiener Buchhändlerin Brigitte Herrmann vulgo Salanda übers Lesen und Leben, aufgezeichnet von Christiane Zintzen

Der Standard, ALBUM , 16. 12. 2000

Wenn Brigitte Salanda (vulgo Herrmann) als eine der viel-seitigsten Persönlichkeiten Wiens gelten kann, so ist dies durchaus buchstäblich aufzufassen: Brigitte Herrman ist Buchhändlerin. Angefangen hat sie 1960 in der Wiener Traditionsbuchhandlung Heger in der Wollzeile. Ihren ureigenen Ort hat sich Brigitte Herrmann jedoch mit der längst legendären “Buchhandlung Herrmann” in der Grünangergasse geschaffen: 1968 bis 1992 war der kleine Laden in einem der ältesten Winkel Wiens Schauplatz nicht nur politischer Bewegtheiten: Es war ein Ort, wo, wie Franz Schuh einmal geschrieben hat, die Bücher wohnten. Dieser Tage jährt sich Brigitte Herrmanns “Arbeit am Buch” zum vierzigsten Mal. Christiane Zintzen.

Der Standard: Frau Herrmann, Sie sind nun seit 40 Jahre Buchhändlerin. Was unterscheidet den Buchhandel von anderen “Handlungen”?

Brigitte Herrmann: Natürlich neigt man zur Überhöhung dieses Berufes und zur ewigen Betonung, dass das Buch nicht eine Ware ist wie jede andere. Trotzdem ist das Bücherverkaufen nun einmal nicht irgend ein Waren-Handel: Es steckt ja die ganze Welt in dieser “Ware” drin und im Gespräch über sie. Natürlich kannst du auch Kleider mit Leidenschaft verkaufen, aber das schafft sicher eine andere Beziehung als das Buch. Das macht das Besondere am Buchhandel aus: Daß man ständig mit Leuten zu tun hat, mit denen einen wirklich etwas verbindet.

Standard: Ist nicht – entgegen vom Klischee vom verschrobenen Professor oder vom zurückgezogenen Schriftsteller – gerade der Bücher-Kunde ganz besonders gewillt, zurückzukommen und über das Produkt, das er gekauft hat, mit “seinem” Buchhändler zu reden?

Herrmann: Das ist ja eben das Spannende: Es gibt eben oft ein großes gegenseitiges Interesse zwischen dem Buchhändler und dem Käufer. Was die besondere Beziehung zwischen mir und dem Kunden ausmacht, ist, dass der ja ein Verkäufer (von Wissen) ist für mich ist, weil er mir zurückspiegelt, was er gelesen hat. Der Kunde weiß ja in seinem Bereich ja sehr viel mehr als ich und so bekomme ich im Gespräch mit den Kunden über das von ihnen Gelesene eigentlich ständig Bücher-Wissen sozusagen zurückverkauft. Was ich weiß, ist das Wissen so vieler Menschen, das sich in der Buchhandlung dreht.

Standard: Ist – im Gegensatz zu den Großbuchhandlungen – die kleine Buchhandlung nicht eine Vertriebsform, wie es der Greisler früher im Lebensmittelhandel war: “Dein” Greisler hat dir gesagt, was heute besonders gut ist oder was du kochen sollst ?

Herrmann: So ist es: Du kennst deine Kunden mit Namen und du weißt, was sie arbeiten und du kennst einen Teil dessen, was sie denken über Politik, über das Leben, über Gott und die Welt. Das ist eine sehr persönliche Beziehung. Ich erinnere mich an einen Kunden, der mich auf ein Fest eingeladen und mich den Menschen dort mit den Worten vorgestellt hat: “Das ist meine Buchhändlerin”. Das hat mir sehr geschmeichelt, so sollte es sein.

Standard: Wie kam es, daß das sehr junge Mädchen es sich in den Kopf gesetzt hat, den Buchhandel anzustreben ?

Herrmann: Ich komme aus einfachen Verhältnissen, konnte nicht maturieren und studieren. Meine ewige Berufsphantasie in der Kindheit und in der Hauptschule war der Journalismus. Mit Leuten reden, herausfinden, was sie denken, was sie mögen, was sie zu sagen haben. Eigentlich also Interviews machen, Radio, das war der Wunschtraum. Also hab ich mir nicht weiter den Kopf darüber zerbrochen, was ich arbeiten könnte und als dann die Schulzeit zu Ende war, hat meine Mutter gesagt: “Du wirst am besten Verkäuferin in einem Kaufhaus, du kannst ja nicht ruhig in einem Büro sitzen.” Eigentlich verdanke ich meine Berufswahl einer Lehrerin, die mich auf den Beruf des Buchhändlers hingewiesen hat. “Das wär’ doch ‘was”, hab ich mir gedacht, “da bin ich irgendwie am Wort und am am Schreiben” und ich hatte eine vage Vorstellung, daß man dabei auch interessante Menschen kennen lernen würde. Also hab ich mir gedacht: Das könnte ich probieren.

Standard: Gab es Vorbilder, Vorstellungen ?

Herrmann: Man muss ja bedenken: Ich hatte ja noch nie in meinem Leben eine Buchhandlung betreten! So stand ich – 14 ½ Jahre alt – im August 1960 da mit einem Zettel in der Hand. Darauf ein paar Adressen, wo gerade Lehrlinge gesucht wurden: Heger, Wollzeile und Kommenda, Kettenbrückengasse. Natürlich war ich weit entfernt von jeder Phantasie, daß eine Buchhandlung “in der Stadt” etwas Besonderes war… Ich hab mir nur gedacht, “wo muß ich morgens nicht so früh aufstehen?” und so wollte es das Schicksal, daß ich die Entscheidung traf, zuerst in die Wollzeile zu gehen. So bin ich in die Buchhandlung Heger hineinmarschiert – ich hatte ein rosa Vichy-Karo-Kleidchen an (wie Brigitte Bardot das damals propagiert hat) – und habe gesagt: “ich möchte bei Ihnen Lehrling werden”. Ich war sehr naiv und wußte nicht, daß ich da die Avantgarde-Buchhandlung Wiens betreten hatte. Aber es gab da so etwas wie Liebe auf den ersten Blick zwischen der Inhaberin, Christiane Wagner und mir: Meine Forschheit hat sie wohl irgendwie beeindruckt – und so habe ich die Lehrstelle bekommen. Es war natürlich entscheidend für mein weiteres Leben, daß es ausgerechnet diese Buchhandlung war, in der ich sozialisiert wurde. Da ist die Wiener Gruppe aus und ein gegangen, Autoren wie Marlene Haushofer Albert Drach, Thomas Bernhard, Figuren wie Hundertwasser, Qualtinger, Moldovan…

Standard: Wie hat das junge Lehrmädel diese Bedeutsamkeiten erlebt?

Herrmann: Wir waren in der Buchhandlung dort ja eine ganze Gruppe junger Mädchen. Anders als die meisten Lehrlinge, die in anderen Buchhandlungen auch noch im zweiten, dritten Lehrjahr Staub wischen mussten und nur sehr langsam an den Kunden gelassen worden sind, durften wir uns in der Buchhandlung Heger vom ersten Tag an in der Kommunikation mit den Kunden ausprobieren. Wir sind den Kunden sogar persönlich vorgestellt worden. Natürlich hat man gewusst, wer zum Beispiel “der Qualtinger” war und wenn die Chefin dann gesagt hat “Das ist unsere kleine Brigitte und das ist der Herr Qualtinger”, da habe ich mich natürlich unendlich geschmeichelt gefühlt. Gleichzeitig gab es natürlich auch sofort Beziehungen zu Gleichaltrigen, zu jungen Leuten, zu Studenten: Mit Beginn der Lehrzeit habe ich auch begonnen, ins “Café Hawelka” zu gehen – dort hat die Durchdringung der Sphären begonnen, die dann mein ganze weiteres Leben geprägt hat: Beruf, Kunden, Freizeit, Freunde – das “Private” und das “Öffentliche” waren nie getrennt.

Standard: Gerade die Wiener Gruppe hat sich ja als Bohème verstanden – und oft auch so benommen. Waren die in der Buchhandlung nicht irgendwie schräg oder schrill – ?

Herrmann: Naja, die waren manchmal schon ein bissel arrogant, aber das Klima in der Buchhandlung war eben schon so, durch die starke Persönlichkeit der Frau Wagner –

Standard: Dass die “bösen Buben” sich gut benommen haben?

Herrmann: Die wurden dann eben auf einen Tee “in die Küche” gebeten…

Standard: In die berühmte Küche, die es dann auch in Ihren Buchhandlungen immer gegeben hat ?

Herrmann: Ja, ich denke eben doch, dass das Wesentlich dieses Berufes – die Art, wie ich ihn auffasse – dort geprägt worden ist. Es hat sich der Kunde in der Buchhandlung Heger gewissermaßen nobilitiert gefühlt, wenn er in die Küche gebeten wurde und einen Tee bekommen hat. Ich habe das dann übernommen: Daß es nicht darauf ankommt, wieviel Geld der Kunde daläßt. Daß oft die schwierigsten Leute die interessantesten sind. Daß man einen Zugang finden kann. Gerade durch über den Gegenstand “Buch”. Im Grunde handelt es sich da ja um gegenseitige Verführungen zwischen Buchhändler und Kunden.

Standard: Sie haben von der Buchhandlung als Informationsbörse gesprochen. Es waren und sind ja sicherlich auch Informationen, die sich nicht nur auf das innere von Buchdeckeln beziehen, sondern auch auf das, was in der Stadt vorgeht, mit Menschen geschieht?

Herrmann: Natürlich ging das vom Philosophischen über das Politische bis zum trivialsten Klatsch! Die Buchhandlung kann schon ein Ort sein, wo man etwas erzählt, eben weil man möchte, daß es den “richtigen” Leuten weitererzählt wird. Der Buchhändler ist dann sozusagen der Transporteur, für den es ja auch einen Mehrwert bedeutet, Leute zusammenzubringen, die an ähnlichen Dingen arbeiten oder interessiert sind. In der Buchhandlung Herrmann habe ich das – mitten im politischen Aufbruch der 68er-Bewegung - auch sehr bewusst eingesetzt. Es sind viele Menschen dort zusammengebracht worden, weil sie sich zufällig in der Buchhandlung getroffen haben. Einerseits ein öffentlicher Ort, andererseits aber doch mit intimem Rahmen.

Standard: Ist Ihnen für das, was innerhalb der Buchhandlung klimatisch passiert, jemals das Wort “Salon” vorgeschwebt ?

Herrmann: Ja, durchaus. Ich glaube, daß eine Buchhandlung die Möglichkeit hat, Menschen entlang von Interessen zusammenzuführen. Es ist immer eine ungeheure Freude, wenn die Kunden plötzlich anfangen, miteinander zu reden… Oder wenn ich mich gerade bemühe, irgendein Buch zu finden oder zu erraten, was einem Kunden gefallen könnte und dann ein anderer Kunde, der gerade anwesend ist, den Ball aufnimmt und mit einem Hinweis, einer Empfehlung, einer Idee in die Kommunikation eingreift. Also “bedient” dann eigentlich ein Kunde den anderen und letztlich auch mich selbst, indem ich wieder etwas Neues erfahre.

Standard: Nach der Lehrzeit, nach einem Auf- und Ausbruchsversuch in die Schweiz, sind Sie nach Wien zurückgekehrt: Allerdings auf die andere Seite des Häuserblocks, in die Zentralbuchhandlung (ZB)?

Herrmann: Die ZB hat der Kommunistischen Partei Österreichs gehört und wurde damals sehr zentralistisch geführt, so daß man nicht sehr viel Freiheit in der Gestaltung hatte. Es ist quasi von oben entschieden worden, welche Bücher verkauft werden sollten, das hat die Belletristik, natürlich aber besonders die politische Literatur betroffen. So kam ich aus dem kunst-kulturellen Feld des Heger zum ersten mal in das politische Feld: Von Karl Marx hatte ich vorher eigentlich nie gehört (lacht) – ich war ja bislang politisch nicht wirklich interessiert gewesen. Das aber sich natürlich schlagartig geändert – aber eigentlich wiederum vor allem durch die Leute, die man in der Buchhandlung kennengelernt hat.

Standard: Die ZB befindet sich ja gewissermaßen in Rufweite von der Buchhandlung Heger: Worin unterschied sich die Klientel ?

Herrmann: Es ist vor allem die Kulturprominenz in die kommunistische Buchhandlung gekommen: Daß sich die künstlerische Avantgarde links deklariert hat, war erst ein bißchen später, das hat sich gerade eben erst entwickelt. Im Café Hawelka haben sich ja damals erstmals diese Kreise gemischt. Gerade in Österreich hat sich die so genannte Studentenbewegung sehr viel stärker als in Deutschland mit der kulturellen, künstlerischen Avantgarde verbunden. Wie verwoben der politische und der künstlerische Aktionismus in Wien war, hat sich dann sehr deutlich im Skandalon der “Uni-Scheißerei” ausgedrückt. Jedenfalls hat es viele heftige politische Diskussionen in der ZB gegeben, was aber der KPÖ wenig behagt hat. Nicht zufällig kam es dort 1967 zum Eklat, als ich glaubte, unbedingt einen Mao Tse Tung in die Auslage hängen zu müssen und eine Rosa Luxemburg, die damals auch noch nicht gerade beliebt war.

Standard: Es gab dann wohl so eine Art “Probegallopp” mit einem von Ihnen selbst gestalteten Laden in der Rothenturmstraße?

Herrmann: Zwar sind meine Kunden in die Rothenturmstrasse “mitgegangen”, doch ging das nicht lange gut. Da stand eines Tages der Geschäftsführer im Laden und hat mir gesagt: “Frau Salanda, geben sie mir ihre Schlüssel, Sie sind gekündigt und ab sofort haben Sie den Laden nicht mehr zu betreten”. Später habe ich erfahren, daß der BAWAG, der die Immobilie gehört hat, die politische Ausrichtung der Buchhandlung mißliebig war. Das war ein großer Schock und so stand ich weinend da, weil ich nicht gewußt habe, wie weiter. Just an diesem Abend war ich zufällig eingeladen auf ein großes Fest, das Georg Kreisler gegeben hat und hab dort weinend allen erzählt, daß ich da jetzt ‘rausgeflogen bin. Da sagte Georg Kreisler zu mir: “No Kinderl, wan ned, da mach’ halt selber eine Buchhandlung, des machen’s ja woanders auch.”

Standard: Es hat dann aber bis Dezember 1968 gedauert, bis der kleine Laden in der Grünangergasse eröffnen konnte – das war wohl auch eine gute Zeit für Bücher?

Herrmann: Es war ja die Zeit der Theorie-Hochblüte des Suhrkamp-Verlags: Überall, wo man hingekommen ist, standen dieselben Suhrkamp-Bücher in den Regalen. Es war ja nicht so, daß die jungen Leute mehr Geld gehabt hätten als heute, aber das Allerwichtigste war, sich Bücher zu kaufen: Man mußte die Bücher haben und man mußte das Geld haben, im Kaffeehaus zu sitzen und nächtelang zu diskutieren. Die Ansprüche an sonstigem Konsum, Essen, Kleider, Reisen, waren damals gering. Hauptanspruch war, daß man sich die “angesagten” Bücher kaufen konnte: Einerseits aus einem ungeheuren Interesse daran, sich das alles anzuschauen, andererseits aber auch in Verbindung mit einer Art magischen Vorstellung, daß schon der Besitz des Buches genügt, damit etwas von seinem Inhalt in den Geist flutscht. Sozial war es absolut notwendig, daß du, wenn du “mitreden” wolltest, dir eben den Habermas angeschaut haben mußtest. Du mußtest dir Freud angesehen haben, du mußtest in einem “Kapital”-Lesekreis gewesen sein (lacht). Das war absolut notwendig, weil darüber ist gesprochen worden.

Standard: Gibt es da Eindrücke, was und wie sich die Zeiten, die Kunden, die Interessen und die Bücher in den Jahren, die Sie die “Buchhandlung Herrmann” geführt haben, verändert haben ?

Herrmann: Da müßte ich in den “Almanachen” nachsehen. Natürlich waren da als zentrale Themen zuerst einmal der Marxismus und die Theorie, die Frankfurter Schule und die 3. Welt. Dadurch, daß die Leute dann in ein Alter gekommen sind, wo die ersten Kinder kamen, hat man sich natürlich mit Kindererziehung beschäftigt, Neil Summerhilll, Psychoanalyse, Entwicklungspsychologie, die Frage “wie erzieht man den neuen Menschen?”. Es kam das Interesse auf für alternative Lebensmodelle: Kibbuz, Landkollektive, autarkes Wirtschaften. So sind also entlang der persönlichen Biographien meiner Kunden, entlang der Lebensbiographien der Generation, laufend neue Themen hinzugekommen. In den 80er Jahren hat man plötzlich begonnen, sich für das Gesundheitswesen zu interessieren, dann für die Randgruppenproblematik: Außenseiter, Gefangene, Heimgeschichten. Am besten hat sich dieser Themenwechsel wohl in meinem Jahreskatalog, dem “Almanach” abgebildet: Dort habe ich 20 Jahre lang die meines Erachtens wichtigsten Neuerscheinungen zusammengestellt – wenn man Zeit hätte, könnte man aus diesen “Almanachen” sehr gut kulturelle, literarische, politische Entwicklungen zwischen 1978 und 1998 beobachten.

Standard: Trotz oder wegen diesem großen persönlichen Engagement war aber die Buchhandlung Herrmann nicht gerade ein ökonomischer Erfolg?

Herrmann: Es war natürlich so, daß immer mehr vergleichbare Buchhandlungen entstanden sind: Es gab die Buchhandlung Kolisch bei der Universität, es gab die Frauenbuchhandlung, es gab die Buchhandlung Winter. Außerdem haben ja auch die Bürgerlichen nicht geschlafen und die Verlage haben auf die gesellschaftlichen Fragen mit speziellen Produkten reagiert: Jeder Verlag hatte eine feministische Reihe (wie Rowohlts “die neue frau”) und die konnte man in allen Buchhandlungen kaufen. Also ist mir das Schicksal jeder Avantgarde widerfahren: Was ich klein begonnen habe, ist plötzlich Mainstream geworden – was auf der anderen Seite ja auch wieder das Wünschenswerte war. Außerdem war es ja so, daß meine Kunden im Zuge des Älterwerdens und des beruflichen Erfolgs nicht mehr so wahnsinnig viel Zeit hatten, durch die ganze Stadt zu rennen, um bei mir ein Buch zu kaufen.

Standard: War das nicht auch ein Schreckmoment, “entlang der persönlichen Biographien” mitzuverfolgen, wie die eigene Generation – und man selbst mit ihr – älter wird ?

Herrmann: Natürlich! Auf der anderen Seite war die enge Bindung meiner Kunden an die Buchhandlung nicht nur schöne Theorie: Es haben mir die Kunden ununterbrochen Geld geliehen, damit ich meine Miete bezahlen, damit ich Ware einkaufen kann und es war in einer Situation, wo im Zuge der Gründung einer GmbH das Kapital von 100.000 auf 500.000 Schilling aufstocken mußte (das wäre der sichere Tod der Buchhandlung gewesen) – da wurden mir aus dem Kundenkreis innerhalb von 4 Monaten insgesamt 300.000 Schilling geschenkt. So konnte die Buchhandlung noch am Leben bleiben, doch war zu dem Zeitpunkt schon klar, daß das Unternehmen auf Dauer nicht haltbar war. Schweren Herzens mußte ich einsehen, daß die Buchhandlung durch mein geringes Kapital einen Qualitätsverlust erleiden würde.

Standard: Sie sind dann wieder in die Zentralbuchhandlung, aus der Grünangergasse in die Schulerstraße, gewissermaßen “zurückgekehrt” -

Herrmann: Das Wichtigste war ja, meine Kunden nicht zu verlieren. Es kam mir zu diesem Zeitpunkt nicht mehr so darauf an, daß auf dem Laden, in dem ich arbeite, unbedingt “Herrmann” draufsteht und so habe ich in der Zentralbuchhandlung angefragt, ob die sich vorstellen können, mich als Mitarbeiterin anzustellen. Die ZB hat dieses Angebot sofort angenommen, mir sogar die Geschäftsleitung angetragen und so habe ich unter unheimlich guten Bedingungen dort weiterarbeiten können: mit einem viel breiteren Angebot – die räumlichen, die personellen, die finanziellen Ressourcen waren dort natürlich ganz andere. Das war ein guter Neubeginn und es hat mir riesigen Spaß gemacht, dort mitzuwirken, daß die ZB eine Buchhandlung der Intelligenz in dieser Stadt geworden ist.

Standard: Das war 1992 – und genau der Zeitpunkt, als sich das Auftauchen und der Aufstieg der Großbuchhandlungen ereignet hat?

Herrmann: Ja, damals, Anfang der 90er Jahre begann der Aufstieg der Konzernbuchhandlungen. Gleichzeitig hat sich auch die Bedeutung des Lesens verändert. Michael Krüger, der Leiter des Hanser-Verlags, hat einmal in der “ZEIT” geschrieben, daß Lesen und die Wissensaneignung durch Lektüre verloren geht, weil man sich heute offensichtlich in erster Linie um seinen Körper kümmern muß – nicht mehr um seinen Geist. Da haben sich viele Dinge gesellschaftlich verändert und das hat sich natürlich auf unser Geschäft niedergeschlagen.

Standard: Sie haben einige der alten Slogens ja durchaus ironisch intonisiert?

Herrmann: Manches hat sich bis hin ins Gegenteil verkehrt… Man muß schon sagen, daß unsere Ideen von offenen Beziehungen, freier Sexualität etc. zum Teil recht irrwitzig waren. Auch diese Vorstellung, daß man den Stein der Weisen gefunden habe und daß, wenn man alle überzeugt hat, es endlich gut auf der Welt wäre: Von dieser Vorstellung habe ich mich persönlich natürlich schon lange verabschiedet. Genauso wie von diesen ideologischen Verengungen: Man hat bestimmte Dinge – zum Beispiel einen Céline – nicht gelesen, weil der irgendwann einmal ein politisch “nicht so Guter” gewesen ist. Wenn man also nicht in diesen Verengungen bleiben wollte, hat man viele Veränderungen erlebt und durch den Kontakt zu den Kunden, den vielen interessierten Menschen, ist es mir – so glaube ich – doch auch gelungen, wach zu bleiben für die neuen Strömungen, für das, was jetzt diskutiert wird und die engen Arroganzen abzulegen. Und es ist ja durchaus lustvoll, zu sehen: Jetzt kommen nicht nur die Eltern in die Buchhandlung, sondern jetzt kommen auch die Kinder der Eltern und manchmal kommen sogar schon die Kinder der Kinder der Eltern. Es ist also heute schon so, daß, wenn jemand sagt, er möchte ein Buch “für eine ältere Dame”, in mir das Lachen und der Schock aufkommt: “diese ältere Dame ist wahrscheinlich jünger als ich selbst!”

Standard: Sie wollen Ihre Wachheit nun ja insoferne auf die Probe stellen, als Sie noch einmal neu zu beginnen gedenken ?

Herrmann: Vielleicht ist das ein bissel sentimental, aber dennoch bin ich noch erfüllt von den Sehnsüchten, die ich jetzt noch einmal gern auf den “Salon”-Punkt bringen würde: Ich würde einfach gerne noch einmal 20 Jahre einen eigenen kleinen Laden führen: eine kleine Buchhandlung, die langsam ist, wo es eine ganz spezielle Auswahl gibt. Ganz luxuriös würde ich dort die Bücher verkaufen, die ich mag: Theorie, Philosophie, mein altes Steckenpferd, die Psychoanalyse, Kulturgeschichte und Literatur.

Standard: Wiederum im “Quartier” ?

Herrmann: Natürlich müßte das wieder im Quartier sein: Irgendwie gehe ich schon davon aus, daß viele der Kunden, die jetzt also schon 40 oder 30 oder 20 Jahre zu “ihrer” Buchhändlerin gekommen sind, daß die mir in einen kleinen, altmodischen Buchladen dort in der Nähe wieder folgen würden. Es hängt einfach davon ab, ob es möglich ist, ein kleines Lokal zu einem vernünftigen Preis zu finden. Es ist auch ein Teil meiner Persönlichkeit, dieses Beharren, dieses Im-Immergleichen-das-Neue-Wagen. Ich täte halt gerne weiter über die Wollzeile gehen und (lacht) in der “Aida” meinen Kaffee trinken – wo ich ihn schon seit 40 Jahren trinke.

Update 2005 : Brigitte Salanda ordiniert wieder in eigenem Laden : Buchhandlung a.punkt , 1010 Wien , Fischerstiege 1 – 7