Werkstatt: «konkret ist hier viel los»

Friedrich Achleitner zwischen Poesie und Architektur
Von Christiane Zintzen, NZZ, 23. 5. 2000

Der aus Oberösterreich stammende, seit fast einem halben Jahrhundert in Wien lebende Holzmeister-Schüler Friedrich Achleitner personifiziert das österreichische Architektur(ge)wissen seiner Zeit. Als Lehrer und Theoretiker, besonders jedoch mit seiner monumentalen Bestandsaufnahme der “Österreichischen Architektur im 20. Jahrhundert” hat er ein singuläres Lebenswerk geschaffen. Als sprachexperimentierender Poet, anfangs im Kreise der legendären “Wiener Gruppe”, später im Buchstabenreich der konkreten Poesie und einer eigensinnigen Dialektdichtung, hat Achleitner der Sprache Widersprüche beharrlich verlautiert. Am 23. Mai wird Friedrich Achleitner 70 Jahre alt.

“achleitner als biertrinker”. Besagter in Lebensgrösse, in Echtzeit Besagtes bedächtig vollziehend: Nicht mehr und nicht weniger stellte der Programmpunkt des “1. literarischen cabarats” der so-benannten “Wiener Gruppe” vor: “friedrich wird eine flasche süssen grauen bieres trinken. er sitzt auf einem stuhle des künstlerbundes alte welt. vor ihm steht ein seltener tisch. was steht auf dem seltenen tische. eine gefüllte flasche süssen grauen bieres. ein ungefülltes glas. was wird friedrich machen…” Friedrich Achleitner trank an diesem denkwürdigen Abend im Dezember 1958 mit grosser Würde vor noch grösserem Publikum sein zunehmend schaleres Schwechater Bier. Was “friedrich” seitdem gemacht und gedacht hat, belegt sein konsequent experimentierendes poetisches Werk, im Besonderen jedoch die über vier Jahrzehnte hindurch zusammengetragene Dokumentation zur österreichischen Architektur des 20. Jahrhunderts.

War der unter der Formel “Wiener Gruppe” mittlerweile legendäre Kreis um Achleitner, H. C. Artmann, Konrad Bayer, Gerhard Rühm und Oswald Wiener in den 50er Jahren aufgebrochen, mit radikal sprachkritischer Poesie, multimedialen Experimenten und spektakulären Happenings den Wiener Kulturnebel zu spalten, so muss Friedrich Achleitner schon lange keine Klaviere mehr auf offener Bühne zertrümmern (wie im April 1959 geschehen), um sein Kunstwollen glaubwürdig zu machen: Sein gewaltiges Archiv der Architektur des 20. Jahrhunderts ist mit der Dokumentation zu rund 30.000 Objekten nicht nur im besten Sinne spektakulär, sondern es vermittelt – aufbewahrt in Kisten und Kästen, in Karteien und als Kartenhalden – die berückende Schlichtheit schierer Evidenz. Und doch ist dieser archivalische Abdruck österreichischen architektonischen So-Seins kein Foucaultsches “Phantasma der Bibliothek”: Im Freistil und en plein air hat der “gestandene” Oberösterreicher Ort für Ort und Gasse für Gasse durchwandert und hat bauliche Zeugen der Moderne individuell befragt. “Ja, wie geht man vor?” Im sonnendurchfluteten Atelier lehnt sich Achleitner behaglich auf dem Sofa zurück: Eine Erscheinung, die Akkuratesse mit Heiterkeit vermittelt. Ein aufgeweckter Blick durch schwarzgerahmte, kreisrunde Brillengläser. “Praktisch ist es so, dass man dorthin fährt und sich einen Stadtplan kauft und dann macht man eine Begehung, eine wirkliche Haus-zu-Haus-Begehung: Man schaut, was es gibt. Und wenn einem was auffällt: Das wird photographiert und auf einer Karteikarte notiert.” Achleitner weist in Richtung der fensterseitigen Arbeitsfläche: “Sehen Sie da drüben, das ist nur der 19. Bezirk.”

Seit Mitte der 60er Jahre hat er sich – in Vorarlberg beginnend – nun allmählich vorgearbeitet: Die in den achtziger Jahren erschienenen Bände seiner “Österreichischen Architektur im 20. Jahrhundert” zu Oberösterreich, Salzburg, Tirol, Steiermark, Kärnten und Burgenland sind mittlerweile vergriffen. Lieferbar sind noch die beiden Wien-Bände, an deren Ergänzung Achleitner eben sitzt: Band drei, die Wiener Bezirke 19 bis 23, steht vor der Fertigstellung - “ein Riesengebiet!” Zusammen mit den beiden bisherigen (und im nächsten Schritt auf den aktuellen Architekturstand zu hebenden) Wien-Bänden wäre damit das Finish erreicht. “Ja”, seufzt Achleitner halb, halb, dass er lacht, “das ist kühn und 10 Jahre hab ich mir noch gegeben”. So gestaltet sich also der sogenannte “Ruhestand” des emeritierten Professors für Architekturtheorie und –geschichte. Dafür, dass Achleitner ein “theoretischer” Architekt ist – das Bauen hat ihn bis auf wenige Ausnahmen wie die gemeinsam mit Johann Georg Gsteu in maximalem Minimalismus neu gestaltete Rosenkranzkirche Hetzendorf (1956-58) “nie interessiert” -, ist er ein erfrischend “praktischer” Theoretiker: “Für mich ist Architekturtheorie nicht, dass man ein wahnsinniges Gebäude erstellt, das dann hinten und vorne nicht stimmt und das man dann irgendwie hinbiegt, damit es halt passt. Ich glaube eben, dass Architekturtheorie so etwas ist wie ein begleitender Kommentar zu dem, was entsteht.”

Achleitner ist sich bewusst, dass solcher “Kommentar” zu “Geschichte” wird, ja “Geschichte” macht, tendenziell also das wird, was man einst “Herrschaftswissen” genannt hat. “Natürlich macht man damit Geschichte“, gibt er zu, und relativiert, “aber Geschichte ist ja nicht das, was stattfindet, sondern das, was wahrgenommen wird.” Also wird auch die Form der Geschichte, der kommentierenden Beschreibung relevant. So stauben keine trockenen Objekt-Beipacktexte aus dem Achleitner’schen Architekturführer, der selbstredend auch jeder fremdenverkehrten Anbiederung entsagt. Momente frostiger Verachtung finden sich ebenso wie feingefirnisste Ironie. Wie Architekturbetrachtung aus einem kunstvoll gefügten Sprachgewebe zur luziden Reflexion sich erhebt, zeigt etwa Achleitners Kommentar zu dem von Hermann Czech 1981-83 gestalteten “Salzamt” im 1. Bezirk: “Bei der Beschreibung der Lokale wird einem bewusst, dass offenbar der Wiener Architekt nirgends so grundsätzlich wird wie bei einem Wirtshaus. Auch das Salzamt (versickerter Topos bürokratischer Hoffnungslosigkeit mit Monopolanspruch) ist ein architektonisches Manifest, dessen präzise Gewöhnlichkeit das Gewohnte zum artifiziellen System erhebt, das eben nur mit Akribie geplant werden kann.”

Friedrich Achleitner ist Spracharbeiter geblieben: Seine Architekturbeschreibungen verheimlichen dies nicht. Beschreibungen? Kommentare? “Mir ist lieber, Sie nennen das Texte, lacht er, “schlicht: Texte!” Und er holt aus: “Ich bin ja der Meinung, dass es Beschreibung nicht wirklich gibt. Trotzdem versucht man es halt. Trotz der paradoxen Situation, in die man da gerät.” Hier – in der Darstellbarkeit der Wirklichkeit durch Sprache finden die beiden Achleitner’schen Seelen – die architekturtheoretische und die poetische – zusammen und er verweist auf die seit den Zeiten der “Wiener Gruppe” fortgeschriebene “experimentelle” Literatur. Natürlich stelle sich gerade bei dem Genre der Beschreibung das “Realismus-Problem”: “Und nachdem wir alle Feinde des Realismus waren, werden wir jetzt bestraft”, meint er ironisch und lacht: “Indem wir jetzt so tun, als würden wir beschreiben! Ich glaube aber, es kann kein Schaden sein, wenn man eine skeptische Haltung zur Sprache behält.” Gerade das Text- und Schaustück “achleitner als bietrinker” war erdacht, die unbeschreibliche Nichtbeschreibbarkeit von Wirklichkeit zu demonstrieren: “Es ist absurd, das zu beschreiben, was man im Moment sieht . Man kann das Geschehen nicht im Präsens erzählen, weil das Geschehen im Moment des Beschreibens genaugenommen schon vorbei ist.”

Sind wir also mitten in der Literatur, von welcher Achleitner nie ganz gelassen hat: Seine in den 50er und 60er Jahren entstandenen Konstellationen, Montagen, Dialektgedichte – 1970 gesammelt bei Rowohlt erschienen und von Arno Schmidt despektierlich zu “Früchtchen” degradiert – finden sich heute teils in dem Residenz-Büchlein “kaaas”, teils in dem zur Biennale Venedig 1997 von Peter Weibel ersonnenen Riesen-Katalog-Objekt “die wiener gruppe”. Der inzwischen wiederaufgelegte “quadratroman” aus dem Jahr 1973 erbringt mit seinen (inklusive Umschlag und Impressum) insgesamt 175 Etüden über das rechteckige Thema augenfällig den Beweis, wie anregend und beredt die scheinbar so karge konzeptuelle Sprachsetzung zu sein vermag. Lettristik, Graphik und Montage veranstalten eine höchst vergnügliche Darlegung der Dialektik von Vorder- und Hintergrund, Punkt und Fläche. Oder, wenn man so will, eine weitausgefaltete Metapher für den Schreib- und Sprechakt innerhalb einer Situation, für die Kunst und den Rahmen ihrer Bedingungen. “konkret ist hier viel los”, so das Aviso, “de facto gar nichts”. - Lebt also die konkrete Poesie? Eben ist Achleitner vom 23. Dichtertreffen des Colloquiums “Neue Poesie” Bielefeld zurückgekehrt, wo er aus seinem neuen Projekt, einer Art “Innviertler Dialekt-Litanei”, vorgetragen hat. Achleitner lacht. “Da sitzen dann die siebzigjährigen alten Revoluzzer! Aber ich muss sagen, einige, zum Beispiel Gerhard Rühm oder Franz Mon, sind unverändert.” Obzwar er die Zusammentreffen mit den alten Freunden in artibus selbstironisch mit einem Klassentreffen vergleicht, freut er sich, nach zwanzig Jahren hochschulbedingter Absenz, die Einladungen zu solchen Meetings nicht mehr ausschlagen zu müssen: “Ich habe das jetzt interessant gefunden, weil dort wirklich sehr gute Gespräche waren. Man nimmt da ja etwas mit. Jetzt hab ich ja ein bisschen mehr Zeit: Es ist nicht so, dass ich jetzt gross den Schriftsteller hervorkehre, aber ich lasse es jetzt halt einfach passieren.” Oder – mit einem seiner Gedichte im Innviertler Dialekt formuliert:
“waon mia / wuaschd wa // wos ma / wuaschd is // wa mia / oess wuaschd”
(wenn mir / egal wäre // was mir egal ist // dann wäre mir / alles egal)
Am 23. Mai feiert Friedrich Achleitner seinen 70. Geburtstag. “Ein Allroundjob”, meint er und geleitet die Besucherin zur Türe.

Das Architektur Zentrum Wien zeigt vom 18. Mai bis 7. August die Ausstellung “Achleitners Österreich. Das Archiv der Architektur des 20. Jahrhunderts”. http://www.azw.at

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