Werkstatt : Nach der Natur.
Die österreichische Architekturfotografin Margherita Spiluttini
Von Christiane Zintzen, NZZ, 15. 5. 2002
Eine Augenwelt, himmelsnah, dort unter dem Dach. Pittoresk das Altwiener Pawlatschenhaus im winkeligen Viertel hinter dem Stephansdom. Hoch über dem Knipsen und Knacken der Touristenkameras lebt Margherita Spiluttini in Spitzwegscher Mansarde. Und zwei kryptisch helläugige Katzen. Wo ein ironisches «Willkommen im Biedermeier!» als Schwellensegen erklingt, erwartet man getrost dessen Gegenteil und staunt über die fernen Horizonte jenseits der zahlreichen Fenster. So weit Auge und Geist hier schweifen, so massgeschneidert schmiegt sich das Wohnbüro um die Person. Stil ohne Styling scheint die Devise, welche an diesem Ort der Konzentration ebenso zum Ausdruck gelangt wie im konsequenten Werk von Österreichs namhaftester Architekturfotografin. Die Fünfzigerin, deren Aufnahmen zu Synonymen für Kompositionsstrenge und technische Perfektion geworden sind, benötigt kein prätentiöses Gehabe. Stapel von Katalogen, Reihen von Negativordnern und eine appetitanregende Bibliothek zeigen, dass Margherita Spiluttini anderes im Sinne führt als komplizierte Künstlerallüren zu pflegen. Sie fühlt sich wohl in dem Frei- und Spielraum, den die Fotografie zwischen «Handwerk» und «Kunst» gewährt. Seit zwanzig Jahren freiberuflich, ist sie froh, dass sie sich an die Tagesordnung der Aufträge halten kann, ohne deren Sklavin zu sein.
Mitschrift
Gaben die Bauten des damaligen Ehemannes Adolf Krischanitz den Impuls zur Beschäftigung mit der Fotografie von Architektur, so ist inzwischen ein massives Bildwerk gewachsen, welches getrost eine lichtbildnerische Mitschrift zeitgenössischer Gestaltung in Österreich genannt werden kann. Das Werkverzeichnis umfasst Projekte von Ernst Beneder, Luigi Blau und Hermann Czech, von Otto Häuselmayer, Rüdiger Lainer, Mike Loudon, Elsa Prochazka, Heinz Tesar, Franziska Ullmann ebenso wie Arbeiten der Teams von Artec, Eichinger oder Knechtl, henke und schreieck Architekten, lichtblau.wagner, Katzberger + Bily oder propeller z. In Rüschikon hat sie das Seminarzentrum Swiss Re von Meili & Peter fotografiert, in Weil am Rhein die Feuerwehrstation von Zaha Hadid. Allein von Herzog & de Meuron hat sie 32 Projekte mit insgesamt 568 Bildern dokumentiert. Und natürlich das River and Rowing Museum von David Chipperfield im englischen Henley-on Thames.
In bezug auf die Art und Weise, wie Architektur ins Licht zu setzen sei, oktroyiert sich Spiluttini kein starres Prinzip: «Einerseits sind mir die Gebrauchsspuren an Häusern sehr lieb. Auf der anderen Seite akzeptiere ich gerne den Wunsch eines Auftraggebers, den Bau noch vor seinem Bezug aufzunehmen.» Ob «Architektur als reine Skulptur» oder Bauwerk mitten im Leben: Entscheidend ist für die Fotografin in jedem Fall, einen Blick zwischen die einfachen Bildangebote zu werfen. Das kann eine Spannung sein, eine beunruhigende Oberfläche oder eine Beziehung zwischen architektonischen Komponenten. Unter den Bedingungen formaler Harmonie – es geht letztlich um die «Verkaufbarkeit» von Bauwerk und Foto – sucht sie Momente der Brechung. So gerne sie sich der Schönheit hingebe, so wenig respektiere sie deren puren Schein. Ohne Irritation, Reibung und Spannung – gleich ob ein fremder Betrachter sie dem Bild später ansehen mag oder nicht – ereignet sich und entsteht bei Margherita Spiluttini kein Bild.
Zwar muss und kann sie mittlerweile nicht mehr jeden Job annehmen, doch ist ihr das Ethos der frühen Jahre geblieben: «Ich bringe mich in jede meiner Fotografien ein». Wie das denn ginge, fragt man, verblüfft angesichts der rigid ins Bild gesetzten Kubaturen: klassisch komponiert, menschenleer. Sie lasse und gebe sich Zeit, so die Antwort, beim Blick auf ein Gebäude. So lange, bis etwas in ihr, «das kann ein Gefühl sein, ein Traum oder eine Phantasie», sich in einer bestimmten Perspektive wiedererkennt. Auch die Seele sei ja ein hochempfindliches Material und darin dem fotografischen Film ähnlich. Mimesis als Anagnoresis, Abbilden als Wiedererkennen, ein platonisches Motiv. Spiluttini schenkt Rioja nach. Die Katzen blicken skeptisch.
Im Blickkanal
Aus den Bildreportagen, mit welchen Spiluttini in den siebziger Jahren begann, gingen peu à peu konzeptionelle Arbeiten hervor: «Die haben zunächst meine Lebenssituation betroffen und waren vielleicht therapeutisch. So habe ich mich einmal pro Minute dabei aufgenommen, wie ich die Küche aufräume.» Wo sie damals als Mutter einer kleiner Tochter das fotografische Selbstportrait herangezogen hatte, um sich in ihrer Rolle als Frau zu objektivieren, spricht sie heute freimütig davon, dass die Fotografie im Grunde nichts abbilden könne. Schon gar nicht objektiv. Das Wort vom «Blickkanal» fällt: Jede Aufnahme ein Augen-Blick aus einer potentiell unendlichen Menge. Ein Weg von vielen. Ein Tunnel, welcher – unter dem schwarzen Tuch der Sucherabdeckung hervor – vom Auge der Fotografin ausgeht, Kader und Bälge der Plattenkamera passiert, schliesslich auf einen Ausschnitt von Wirklichkeit trifft. «Ein Tunnel zur Wirklichkeit», fügt Spiluttini an, «in dem man eine spezielle Intimität zu dem Bildausschnitt auf der Mattscheibe entwickelt». Das umständliche, ja «zelebrierende» Hantieren an der Grossformat-Linhof – mit Stativ immerhin zehn Kilogramm schwer – schliesst das geschwinde Geratewohl der Knips-Attitüde aus und trägt als Handlungsspiel wesentlich dazu bei, den Blick ins Meditative zu wenden. Wie der Maler erst die Leinwand aufspannen und grundieren muss, bevor er den ersten Pinselstrich setzt, so wird für jede Aufnahme einzeln ein Planfilm eingelegt. Schon aus Kostengründen überlegt man sich ziemlich genau, lacht Spiluttini, wann man den Auslöser drückt. Auch die Tatsache, dass das Bild, welches auf der Mattscheibe erscheint, auf dem Kopf steht und seitenverkehrt ist, hat sich – nach anfänglicher Verwirrung – als Schule des Sehens erwiesen. So wurde ihr Blick für Proportion und Komposition geschärft. Zentralperspektive, strenge Fluchtlinien, Staffelung von Räumen und Flächen, goldener Schnitt. Bei den von Thomas Bernhard geschmähten «alten Meistern» im Wiener Kunsthistorischen Museum hat sie erst später und mit umso grösserer Verblüffung solche kompositorischen Features wiedererkannt.
Natur der Kultur
Deren «arkadische Landschaften» könnten – gerade in der Negation jeder Lieblichkeit – durchaus Pate gestanden haben für Spiluttinis irritierende Geländeaufnahmen, welche zur Zeit in einer Wiener Ausstellung erstmals als eigener Werkkomplex zu sehen sind. Der listige Titel «Nach der Natur» spielt mit dem klassischen Nachahmungsbegriff, zielt jedoch auf das «post naturam» der aufgeklärten Moderne. Ausgerechnet die Alpen hat die Fotografin dazu erkoren, den eindringlichen Beweis anzutreten, dass «Natur» (anders als der Fremdenverkehr Österreichs oder der Schweiz es behaupten) als solche nicht mehr zu haben ist. Wenn Margherita Spiluttini Trassen und Strassen, Brücken und Tunnels, Staudämme und Lawinenverbauungen anvisiert, verfolgt sie keine der bekannten Ideologien. Der Apologie auf den Ingenieur als Bezwinger einer anarchischen Natur ebenso ferne wie der ökologischen Anklage, setzen ihre Aufnahmen das Ineinander von Natur und Kultur als prekäre Harmonie ins Bild. Pathos und Poesie einer anonymen Architektur. «Den reinen Zweckbau gibt es ebenso wenig wie die reine Natur: Alles ist gestaltete Welt.» Aus einer ursprünglich italienischen Ingenieurfamilie stammend und im Salzburgischen Schwarzach aufgewachsen, unterzieht die Fotografin damit auch den Szenarien ihrer Kindheit einer neuen Belichtung. Da war der Schrecken der Berge, ihre Allgegenwart und Übermacht, da gab es aber auch die Schönheit in den komplizierten Koalitionen zwischen Technik und Natur: «Ich kann mich sehr gut daran erinnern, wie mein Vater aus dem Auto ausgestiegen ist, sich vor eine Stützmauer hingestellt war und einfach beglückt war.» Einfaches Glück würde man auf Spiluttinis hoch artifiziellen Bildern weder suchen wollen noch finden können. Kein Spitzweg in der Mansarde. Während das Tuch der Dämmerung über den Wiener Himmel gleitet, entziffert man beim Verlassen der Wohnung das Hinweisschild: «Bitte Türe schliessen. Die Katzen pinkeln in die Schuhe». Auch eine Form des Ineinanders von Natur und Kultur.
Margherita Spiluttini: «Nach der Natur. Konstruktionen der Landschaft», Ausstellung bis 22. September 2002 im Technischen Museum Wien. Katalog € 26.-
http://www.tmw.ac.at/
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