Margherita Spiluttini. Räumlich | Spacious.
Fotohof edition Band 85, Salzburg 2007
Christiane Zintzen : In der Falle: Leib und Bau
Der Körper ist Falle. Ist der Fall. Im Männlichen - der Körper, le corps, the body – erst recht der Phall. Sündenfall des Fleisches. Zeitlichkeit der Leiblichkeit. Notwendige leibliche Festung, Befestigung des “Ich” zur Unterscheidung von Unsresgleichen. Solches denkt sich selten ohne Not, wendet sich zur Not: In dieser aber verweigert sich der Körper als Hausmacht und Selbst-Territorium: Er ist das Entgegenstehende selbst.
Als Gegenstand bedeutet der Leib die dauernde Demütigung des hochmütigen Geistes. Dass wir nicht mehr sind als ein Teilchen von Menschenmasse, ein Bündel von Masseteilchen, ist fundamental beleidigend. Philosophischer Stachel im Fleisch bleibt, dass dieser Körper, dessen Materie wir gedanklich nicht durchdringen, vielleicht just deshalb die absolute Metapher ist. Torso und Extremitäten, Hirn und Unterleib, vom Kopf auf die Füsse gestellt: Der Körper ist die Organisation, aus deren Schattenwirtschaft uns die In- und Sinn-Bilder, die Münze der Metapher in der jeweils gültigen Währung von Wahrheit zufällt.
Nicht Herr, so Sigmund Freud, sind wir im Hause unseres Hirn und Herzens. Im Gegenteil wird das “Ich” von Leibeskräften geknechtet: Der Körper schickt den Schani des Ingeniums aus, um es ihm je nach Bedarf, Bedürfnis, Begehren zu richten. Lust sucht die Wiederkehr des Gleichen, Komfort erhält sich konservativ. Schmerz und Weh dahingegen zerren an der Existenz. Radikaler Diskant in der “Ballade vom angenehmen Leben”. Alarm und Abwehr, Hormone, Botenstoffe, Bakteriologie: Der Schmerz als Einsatzkommando gegen ekle Elemente, Zuchtmeister zu Zukunft und mit Ziel.
Im andern Fall springt der Schmerz auf als Symptom: Zeichen für Verborgenes, Indiz unerhörter Vorgänge. Effekt einer kritischen Masse, gebietet der Schmerz die Suche nach einem übersehenen Muster. Wucherung, Abszess, Metastase: Susan Sontags “Illness as Metaphor”, Elaine Scarrys “Body in Pain”, Jean Amérys “Tortur”. Der Leib regrediert im Prozess der Zivilisation, negiert die schöne Seele und spottet der “Kultur”. Krankend und alternd, ist die leibliche Realität banal und ohne Verheissung. Das Leid des Fleisches auf dem Streckrahmen der Zeit frisst die Bilder, die Konfigurationen von Sinn und unterminiert das sprachliche Unterfangen. Unmittelbar und unmitteilbar erfährt das Individuum die Progression der Auslöschung.
Im Körper sind wir uns antastbares Angebinde. Entwerfen uns nach aussen als Projektionsgestalt. Projektieren, Werfen und Entwerfen: Kein Wurf zielt unmittelbarer auf die Verwahrung von Leibern als der Bau, das Haus, die Einrichtung. Architektur ist immer Körper-Poltitik: Sie regelt, reguliert Öffentlichkeit und Diskretion, Haltung und Verhalten von Individuum und Kollektiv. Als schöne und bildende Kunst grenzt sich die auktoriale Architektur ab vom “Zeitalter der Verschläge” (Peter Weiss): Die Leit- und Abstellsysteme der Baracken- und Containerwelt gelten als anonyme Produkte von Ingenieuren, Logistikern, Disponenten. Hier regiert eine andere metaphorische Körper-Falle: Es ist das Bild des Stoffwechsels als dynamisches System zur Herstellung von Mehrwert. Tierproduktion. Humanmaterial. Internierungs- und Vernichtungslager, Sammel- und Flüchtlingslager, neuerdings “Auffang-” oder “Abschiebe”-Lager: Das “Jahrhundert der Lager” (Joel Kotek) setzt sich fort. Der Architektur gelingt es bis heute, ihre Agenden aus diesen Assoziationsbildern heraus zu halten.
Gleichwohl hat die Umbauung des vergesellschaften Leibes gerade im architektonischen Schöpfer-Paradigma statt: Im Kommunalen, im Versorgungsbau entwirft sich jede Epoche neu. Bentham, Bauhaus, Billa: Jede Superstruktur gestaltet ein System von Körpern und inkorporiert das Selbstbild einer Gesellschaft. Die Empfindsamkeit hinsichtlich “totalen Institutionen” (Erving Goffman) mag sich – wie der Generalverdacht gegen Massenmenschenhaltung und das Stereotyp von der Auslagerung “kontaminierter” Teile des Gesellschaftskörpers – als Kapitalismus- und Systemkritik auf der sicheren Seite wissen. Souverän spielen wir die humanistische Platte, sorgen für angenehm aufgeklärte Unterhaltung. Abseits des Gesellschaftsspiels bleiben wir freilich leiblich belangbar, jederzeit bereit, im blickdichten Metaphernnetz um das Wesen unserer Materie zu scheitern. Es changieren die Chiffren und Schriften, florieren die “Lebenswissenschaften” und avanciert die Architektur zur Leitkunst der Show-Gesellschaft: Fangen und verfangen werden wir uns weiter in der alten Metaphern-Falle der platonischen Körper-Höhle.
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