Andreas Okopenko : “Kindernazi” und “Affenzucker “- Rezension

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Andreas Okopenko : “Kindernazi” und “Affenzucker – Rezension
kolik 9 ( Winter 1999 )

DER VORLÄUFER

czz – Erst im Ehrenregen des Staatspreissegens wurde Andreas Okopenko auch jenen plötzlich (wieder) lesbar, die diesen unspektakulären und konsequenten Spracharbeiter aus dem Blick verloren hatten: Nachdem die 1984 erstmals erschienene Prosastudie “Kindernazi” fast ein Jahrzehnt lang als – nie zu Buche geschlagene – Karteileiche bei dtv angekündigt im Verzeichnis lieferbarer Bücher herumgegeistert war, hat sich der Klagenfurter Ritter-Verlag ein Herz gefaßt und veröffentlicht nach den “Meteoriten” (1998) nun
den Kindernazi – fast, als wär’s zum ersten Mal.

Der Deuticke-Verlag sekundiert mit einem adretten Bändchen neuer “Lockergedichte“, die als “Affenzucker” die Reihe widerhakenborstiger Spontandichtungen von “immer wenn ich heftig regne” (Deuticke 1992) fortsetzen und die den Lesern dieser Zeitschrift ja bereits in Auszügen bekannt sind (kolik 7, Mai 1999). Wie im Fall der Neuedition des “Lexikon-Romans” in Buchform (Lexikon einer Sentimentalen Reise zum Exporteurtreffen in Druden, Deuticke 1996) und als interaktive CD-Rom-Version (1998, online @ ELEX) scheinen auch hier die Zeit und Rezeptionsintertessen auf Okopenkos Werk zugereift zu sein:”Kindernazi” wird heute wohl von etwa Imre Kertész’ “Roman eines Schicksallosen”, Alexander Tišmas “Kapo” und Heimrad Bäckers “nachschrift” her zu lesen sein.Gemeinsam ist diesen Texten, daß sie den nationalsozialistischen Totalitarismus aus einer gefährlichen und schwierigen Perspektive literarisch reflektieren: Von innen, in der Darstellung der perversen und devastierenden “Logik” eines – buchstäblich – geschlossenen Systems. Wo diese “Logik” im Spiegel literarischen Bewußtseins ohne relativierenden Erzähler-Kommentar bzw. ohne eine positive bzw. didaktische Leseridentifikationsfigur als Mikrokosmos im zeitgeschichtlichen Makrokosmos entfaltet wird, wird stets die vermeintliche Entscheidungsfrage nach Dichtung oder Wahrheit gestellt.

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KINDERNAZI REVISITED

Entsprechend sieht sich Andreas Okopenko aufgrund der Erfahrungen mit der Rezeption des “Kindernazi” in einer der Neuausgabe beigestellten Nachbemerkung zu dem recht deutlichen Hinweis genötigt:

Der Roman ist kein autobiographischer und kein Schlüsselroman. Er ist authentisch insoweit, als es die Tagebuch-, Zeitungszitate, die historischen Begebenheiten und den Wortschatz jener Zeit betrifft.

Entsprechend interessiert im Rahmen des literarischen Konstruktes nicht, wieweit die Kongruenz der Kriegszeit mit der biographischen Pubertäts-Echtzeit des Autors “tat-sächlich” ist: Im Werk selbst ist sie wahr und von einer vielleicht auch allzu didaktischen Plausibilität. Was aber nicht meint, das Buch erzähle eine teleologische Entwicklungs- und damit Erfolgsgeschichte nach dem Modell “Verwirrung-Reifung-Klärung”: Im Gegenteil besteht Okopenkos Text auf dem Moment des Erwachens zum Erwachsenen unter der Sigle des Schmerzes:

( …) jetzt darfst kein Nazi mehr sein, sagt Mama, sehr schlaff. Ein Kindernazi, sagt Anatol zornig und weint wieder los. Papa schaut Mama an. Heute wird er erwachsen, sagt er laut.(1. 4. 45) Schmerzhaft ist das Erwachen aus dem Taumel bei Kriegsende, schmerzhaft die Vertreibung aus der – wenig paradiesischen! – Kindheit, schmerzhaft die Einsicht, daß “Erwachsensein” vor allem eines bedeutet: Schmerz und Widerspruch als Teile des Selbst zu akzeptieren.

Fern jedes – gerade vom “Dritten Reich” verordneten – “heroischen” Leidens steht dieser Schmerz als Trauer um verlorenes Ver-Trauen gewissermaßen als Alpha und Omega an den Rändern dieses Buches. Und dies nicht nur im übertragenen, sondern in einem sehr konkreten Sinne. Denn Andreas Okopenko bedient sich eines nur auf den ersten Blick einfachen Textkalküls, um diese Chronik einer Verwirrung abzuwickeln: nämlich von hinten nach vorne. Indem die Tagebucheintragungen mit dem 1. April 1945 beginnen und im April 1939 enden, erstellt Okopenko nicht eben einfach “nur” eine umgedrehte Chronik, sondern er inszeniert ein kompliziertes Verweisballett im
Textuellen gleich wie im Symbolischen.

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ERINNERRUNG

Entlang der als “Episoden” bezeichneten Tagebuchnotate muß sich der Leser aus dem Nachher in das Vorher durcharbeiten – beständig begleitet ihn auf dieser Reise vom Gewordenen zum Werden die Frage nach der “Vorgeschichte”, nach den Gründen, nach den Ursachen. Hier wird nicht nur kunstvoll dem verfremdenden Verfahren von Ilse Aichingers “Spiegelgeschichte Reverenz erwiesen, sondern zugleich an jenem “Aufruf zum Misstrauen” fortgeschrieben, dem sich die avancierte Literatur danach (also
auch nach dem Diktum Adornos) verpflichtet. In der befremdlichen Gegen-Gleichheit des Spiegelbildes kommt die autobiographische Reflexion zu sich selbst und erprobt sich als Beobachtende und Beobachtete in einem. Gerade die Verkehrung des Ablaufes nimmt dem Erinnerungs-Archäologen jede Illusion eines archimedischen Punktes, von welchem er – für sein heutiges Bewußt(geworden)sein gefahrlos – das Vergangene heben und, wie man so unschön sagt, Revue passieren lassen könnte. Wie der Archäologe trägt Okopenko zuerst die späteren, äußeren Schichten ab, um im weiteren Grabungsprozeß zu den “früheren”, weiter zurückliegenden Zeitstrata vorzudringen.

In dieser verwirrenden Gegenläufigkeit der wachsenden und fliehenden Zeiten hebeln sich die landläufigen Entschuldigungs-, da “Entwicklungs”-Logiken zwangsläufig aus: Das Subjekt wird nicht als Produkt der Verhältnisse vorgeführt, sondern als individuelles Bewußtsein im Werden und im Austausch mit dem allgemeinen Sein und Werden. Es ist das Medium der Sprache, in welchem sich dieses Bewußtsein am deutlichsten abdrückt, es ist die “Lingua Tertii Imperii“, die, wie Viktor Klemperer in seiner berühmten
Studie dargestellt hat, als vergiftete Trägersubstanz die Bildung vergifteten Bewußtseins impliziert. Wenn Okopenko mit seiner “verkehrt”-herum erzählten “Entwicklungsgeschichte” (gewissermaßen einer Devolutionsgeschichte) einen Spiegel von sprachlicher “Masse und Macht” entwirft, glückt dies nicht nur ob der stupenden dokumentarischen Akkuratesse und kompositorischen Sorgfalt, sondern gerade auch durch die Verkehrung: Nicht zufällig galt es lange als Geldfälschertrick, des “vorauseilende”, Sinn- und zusammenhangstiftende Gehirn zu überlisten, indem die Vorlage beim Kopieren auf den Kopf gestellt wurde. Andreas Okopenko wäre freilich nicht der Autor des “Lexikon-Romans“, gewährte er dem Leser nicht die Freiheit, in der Reihenfolge der Episodenlektüre ganz nach seinem Gutdünken zu verfahren.

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LTI UND FORMUNG

Die vorgeschlagene Lektürefolge führt also von der abschließenden Desillusion im April 1945 (also etwa zwei Wochen vor dem Fall Wiens) “zurück” in den April 1939, in dem die Familie der Fokusfigur Anatol Vitrov (hier ließe sich nabokovsch an in vitro denken – Okopenko ist gelernter Chemiker – ebenso wie an in vita truth) als Ostzuwanderer
“aus der nun deutschen Ukraine” in Wien anlangt: “Du wirst ein deutscher Junge werden”. Soziohistorisch plausibel und mit autobiographischen Motiven durchsetzt, führt Okopenko die Bereitschaft der Familie zur ideologischen und sprachlichen Gleichschaltung auf das Syndrom der Assimilierung zurück: “Aber hier in Wien wirst du dich anpassen müssen”. Spätere Pimpfenehre begründet sich derart im vorangegangenen demütigen “Warten im Schnitzelgeruch.” Im Juni 44 wird der Pimpf – “so hell das Auge, so ehern die Stirn” – bei der Rückfahrt aus dem KLV (Kinderlandverschickungslager) nach Wien das Marchfeld als “symphonische(n) Getreidedichtung vor der KdF-Operette Wien” erleben. Dort hieß es “in Singstellung gehen und ins malerische Land ausblicken” – hier wartet der öfter und öfter kriegsbedingt ausfallende Schulunterricht, wo das “Hei’tler und Hei’tler” die Morgenandacht abgelöst hat.

So tritt die Sprache pur auf die Bühne dieser Darstellung – oder besser:sie zeigt sich bar jeder subjektiven pureté, in all ihrer implementierten Rohheit. “Der Nazismus”, hatte Viktor Klemperer 1957 zum Wesen der LTI angemerkt, “glitt in Fleisch und Blut der Menge über durch die Einzelworte, die Redewendungen, die Satzformen, die er ihr
in millionenfachen Wiederholungen aufzwang und die mechanisch und unbewußt übernommen wurden”. So, wie Klemperer in seinen – vorläufig gebliebenen
und nachhaltig wirkungsvollen Notizen eines Philologen Indizien gesammelt hat, um zu zeigen, wie diese “Sprache aus giftigen Elementen gebildet oder zur Trägerin von Giftstoffen gemacht worden ist”, so konfiguriert Andreas Okopenko in Kindernazi” sprachliche Indizien zu einem Phantombild eines linguistischen und ideologischen Verblendungszusammenhanges.

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POETISCHE SITUIERUNG

Anders als Heimrad Bäckers radikal-dokumentarischer Ansatz, der die “Sprache der Täter und der Opfer” aus Dokumenten zitiert und sie in Anlehnung an die Verfahren der konkreten Poesie zur Selbstdarstellung zwingt, zitiert Okopenko – sich selbst. Sich selbst, der er einst – als Hitlerjunge und “Kindernazi” – einmal ein Anderer gewesen ist. In einer autobiographischen Aussage (Meine Wege zum Schriftsteller) hat Andreas Okopenko von einem “Winterschlaf” seines jugendlichen politischen Gewissens während der
Nazizeit gesprochen: Das “große Erwachen” sei 1945 mit dem Einzug der Aliierten erfolgt: “Einem kleinen Weltuntergang des HJ-Buben folgte Klarsicht, Entsetzen über den Bodenseeritt und Begeisterung für die frischen Ideale von Humanismus, Sozialismus, Pazifismus, Demokratie.”

Fern davon, bloßes Zeugnis, direkte Beichte oder Aufarbeitungsbericht zu sein, ist Kindernazi” zunächst und vor allem ein sprachliches Kunstwerk – ein diffizil gewirktes und komplex gearbeitetes noch dazu. Der dramaturgische Dreh der rewind-Perspektive verleiht den 62 Episoden soghafte Spannung auf den Fluchtpunkt finalen Beginnens zu – Motiv-Widerspiele (“Papa, warum…?” 1. 4. 45 und 22. 6. 41) schürzen die Knoten nach innen hin. Als Echtzeit-Sprachportrait einer Epoche mag die polyphone Komposition von Stimmen, Sprechweisen und Jargon-Unarten an Karl Kraus’ Die letzten Tage der Menschheit erinnern, doch konfiguriert Okopenko anders als Kraus kein Gesellschaftsbild im Cinemascope-Format, sondern er führt das Ausmaß der Verwüstung im privaten, freundschaftlichen und  familiären Kammerspiel vor: Im Denken und Fühlen des Individuums treten die von der Walze der LTI gezogenen Sprach-Schneisen als besonders skandalös hervor. Wo das Subjekt zum Behälter für solches Sprach-un-gut wird, wird der Mensch zum Material, verschwindender Selbstrest in einem totalitären System, welches Sprache und Sein, Leib und Leben, Kopf und Körper gleichermaßen gedrillt:
“schon steht gefüllt die neue Uniform da”.

Daß Andreas Okopenkos politisches Sensorium gerade auch nach dieser gültigen literarischen Reflexion des Totalitarismus nicht stille schweigt, beweisen nicht wenige der bei Deuticke erschienenen Lockergedichte: Unter diesen sprachlichen Spontanbewegungen eines hellen Bewußtseins finden sich feine Reime und pfiffige Kalauer ebenso wie
stilettscharfe Aperçus, deren Witz als “Affenzucker” manch bittere Einsicht umhüllt:

Patri-, Zel- und andre -oten heben wieder ihre Pfoten.

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LITERATUR

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RELATED

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