Claire Felsenburgs Erinnerungen an Galizien und Wien 1914 bis 1938
Christiane Zintzen
NZZ, 13. 3. 2003
«Die Welt von gestern» sollte sie ursprünglich heissen, die gedankliche Rückkehr in eine schmerzlich bewegte Zeit. Da unter solchem Titel jedoch bereits ein Klassiker firmiert, hat Claire Felsenburg-Sontag über ihre Erinnerungs-Skizzen das Wort «Flüchtlingskinder» gestellt. So fand man freilich eine Sigle, welche – anders als Stefan Zweigs «gestrige» Welt – nicht etwas Abgeschlossenes ad acta legt. Im Gegenteil: Was – besonders jedoch wie – die 1911 in Lemberg Geborene das kaum Erzählbare in knappe Worte fasst, zeigt deutlicher als manch grossartiges Memorialwerk, dass sie bis zu ihrem Tod im Juli 2002 ein solches Flüchtlingskind geblieben ist. Zu oft musste ihre Familie alles stehen und liegen lassen, zu oft galt es, das nackte Leben zu retten, als dass die Autorin vermochte, sich im Erzählen häuslich einzurichten.
Zu Beginn des Ersten Weltkriegs aus Lemberg über Budapest nach Wien fliehend, hätte die Familie Sontag unter jenen galizischen Juden sein können, die der junge Elias Canetti «wie Vieh» in Waggons «zusammengepfercht» beim Wiener Nordbahnhof sah und später als «schrecklichen Anblick» erinnert. Allerdings bedeutet auch Wien mitnichten das Ende der abenteuerlichen Aufbrüche: Von Logis zu Logis setzt sich die Wanderschaft fort, bis die brüllend bejubelte Heimkehr Wiens ins Hitlerreich zu ferneren Fluchten nötigt. Gelingt zunächst die Reise über Zürich nach England, darf Claire mit ihrem Mann Walter Felsenburg erst zehn Jahre später in die Staaten ziehen, wo sie, – wiederum nach wechselnden Wohnsitzen – im Sommer des vorigen Jahres vielleicht das gefunden hat, was man die «letzte Ruhestätte» nennt.
Als die Zeitzeugin zuvor notierte, was sie als Heranwachsende zwischen 1914 und 1938 miterlebt hat, ging es ihr – im Unterschied zu den Erinnerungen anderer «Exilautoren» – wenig um literarische Zeugenschaft einer gefährdeten Existenz. Vielmehr fügen sich die vielen kurzen Episoden zu einem eindringlich kargen Memorial für die 1944 in Auschwitz ermordete Mutter. Was zunächst irritierend anmutet – dass die Autorin weitgehend auf das Wort «Ich» verzichtet und von sich selbst nur im Kollektiv der Geschwister («die Kinder») respektive als «Clara» spricht -, offenbart sich als Stilmittel der Dedikation.
Hervor tritt die grosse Gestalt der Mutter Jetty Sontag, die mit mutiger Originalität den (wie es wiederholt heisst) «Kampf ums Dasein» ihrer ständig wachsenden Familie ausficht. Noch der winzigste Lebensraum in der Wiener Brigittenau ist nicht zu gering, erst eine viel frequentierte Suppenküche, später eine kleine Schneiderei einzurichten. Als dann die mittlerweile siebenköpfige Familie von einem Tag auf den anderen auf der Strasse steht, findet man in den Arrestzellen der Polizeiwachstube vorübergehendes Asyl. Erst ein grotesk grosser Raum in der «entmilitarisierten» Rossauerkaserne ermöglicht temporär ein Leben, welches die heutige Sprache vielleicht «menschenwürdig» nennt. Hier allerdings wird der Erzählerin erstmals das Stigma der Armut bewusst.
Hatte die älteste Tochter zuvor bereits mehrmals den Canossagang zum Versatzamt antreten müssen, um das eine oder andere Erbstück für ein Mittagessen zu geben, so öffnet ihr erst ein sozialbürokratischer Routine-Vermerk auf einem Arztrezept die Augen: Die kleine Formel «pro pauperis» («für die Armen») erübrigt zwar die Gebührenpflicht für das Medikament, doch scheint mit der roten Schrift auf weissem Rezeptpapier die Misere ihrer Familie buchstäblich fest geschrieben. Ähnlich dem um fünf Jahre älteren Manès Sperber, dessen Familie 1916 aus dem galizischen Zablotow nach Wien geflohen war, schildert Claire Felsenburg das «Erlebnis der totalen Verarmung» und: welche Energien die «Herrschaft der fehlenden Dinge» (Sperber) im Subjekt freizusetzen vermag.
Anders als ihr männlicher Generationsgenosse erhebt Claire Felsenburg indes keinerlei künstlerischen Anspruch. So mutet ihr Text mitunter allzu knapp an, scheint an anderer Stelle hinwiederum mit Adjektiven überladen; Anglizismen kreuzen durch die in deutscher Sprache unternommene Narration. Die Frage stilistischer Dignität wird sich indes nicht ernstlich stellen, wo man das Zeugnis der Claire Felsenburg-Sontag als das liest, was es ist: Ein schnörkelloses und bescheidenes Dokument, welches vielleicht eine Ahnung dessen vermitteln mag, was es heissen mochte, ein Mensch unter Menschen zu sein auf der Kleinseite einer angeblich «grossen« Zeit.
Claire Felsenburg: Flüchtlingskinder. Erinnerungen. Hg. von Konstantin Kaiser u. Robert Sommer. Vorwort von Elfriede Jelinek. Wien: Theodor Kramer-Gesellschaft 2002







