Ein Meta- Feature als Video | Einführung und Partitur | Christiane Zintzen | Karl Petermichl
EINATMEN – AUSATMEN : ELFRIEDE JELINEK IN FIGUREN DER RADIOPHONIE
I. AUDIO TEXT VIDEO
- Konzept , Text und Gestaltung : Christiane Zintzen
- Multimedia : Karl Petermichl
- DVD- Video , Studio CCC 2006 / 2007 , TT 41:40
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EINATMEN – AUSATMEN : ELFRIEDE JELINEK IN FIGUREN DER RADIOPHONIE
II. DOKUMENTATION
Die Text- Ton | Audio- Video Collage wurde für die vom “Elfriede Jelinek-Forschungszentrum” veranstaltete Tagung “ICH WILL KEIN THEATER : Mediale Überschreitungen . Symposium zum 60. Geburtstag von Elfriede Jelinek” erarbeitet und dort in Form einer Live- Performance mit zwei Laptops uraufgeführt . Es handelt sich – in Form eines “Meta-Features” – um die akustische Untersuchung der knapp 40- jährigen Beziehung zwischen der Autorin und dem ORF-Radio . Unter dem Arbeitstitel SOUNDSCAPE JELINEK wurde die Arbeit vom Publikum sowie dem Rezensenten der FAZ im Oktober 2006 positiv angenommen ( Martin Lhotzky : Unvereidigt , FAZ , 31. 10. 2006 ) .
Im Zuge der – mitunter pointierten – Montage des in ganz Österreich recherchierten Archivmaterials schien es angezeigt , die einzelnen Sequenzen im Hinblick auf Datum und Sendungs- Umgebung visuell zu indexieren . Über die wissenschaftliche Sorgfaltspflicht hinaus waren zwei Beweggründe – ein rezeptionsästhetischer sowie ein epistemologischer – für die “Hintertitelung” des Klangmaterials ausschlaggebend : Einerseits soll die Hörerin von der akustischen Dechiffrierungs- Pflicht entlastet werden : “WER spricht in WELCHER Sendung , WANN und mit WEM ?”. – Zum Andern treten Brüche und Kontinuitäten deutlicher zu Tage . Dies gilt sowohl für Elfriede Jelineks Medien- Äusserungen als auch hinsichtlich der Attribute , Clichés und Sprechpositionen seitens der Radiomacher , Gestalter und Moderatoren .
Entsprechend wurde für EINATMEN – AUSATMEN: ELFRIEDE JELINEK IN FIGUREN DER RADIOPHONIE zusätzlich zur Tonspur ein Text- Video erstellt , welches die Sound- Zitate mit “Titeln” versieht . Der damit neu geschaffene visuelle Aspekt der “Schriftausstellung” mag mit dem Kontext der Visuellen , Konkreten oder Dokumentarischen Poesie assoziiert werden . Im Rahmen der Repräsentations- und Rezeptionsrituale des White- Cube- Ausstellungsraums für Bildende oder Medien- Kunst gäbe es Präzedenzen für ein Abspielen des Videos in Endlosschleife .
EINATMEN – AUSATMEN ist ein Derivat aus der und eine Reflexion über die Radiophonie . Ein Feature über das “Featuren” , ein “Sprechen über” das “Über- etwas- Sprechen” , nicht zuletzt ein Raubzug auf Tonspur ( respektive : die Tonspur eines Raubzugs ) . Damit wird das Ephemere des Radios für einmal festgestellt , kann aber nie etwas Anderes bleiben als temporär , insofern das Sprechen , Texten und Senden Sekunde für Sekunde , Minute auf Minute , Stunde um Stunde weiter geht .
EINATMEN – AUSATMEN : ELFRIEDE JELINEK IN FIGUREN DER RADIOPHONIE
III. TRANSKRPT
- Moderation “Vorspiele” ( 1:03 )
Versprechen , Besprechen , Ansprechen , Aussprechen : Die Autorin ist am Apparat : Oder ist sie drinnen : Im Apparat ? – Der Rundfunk ist Sender . Der Rundfunk ist aber auch Empfänger des literarischen Worts .
Einatmen – Ausatmen .
IM GESPRÄCH , im DOPPELZIMMER , VIS À VIS . Radio ist Recorder . Ist Aufnahme , Sendung und Speicher : KOSTBARES AUS DEM ARCHIV . Die Tonspur als editierte Erinnerungsspur . Ein “lieu de mémoire” im Äther , auf Band , in Dateien . Ein Grab in den Lüften . KULTUR AKTUELL steigt ab ins Archiv , aufersteht im HÖRSPIEL- REPERTOIRE zu neuen Formaten , Facetten und Figuren .
In aller Herrlichkeit , Hörlichkeit , Hörigkeit .
- Montage “Vorspiele” ( 4:44 )
- Moderation “Ansagen” ( 2:34 )
Die Autorin ist Eine , die Autorin ist Viele : IM JOURNAL ZU GAST , als TALENT mit TENDENZ : AUTORENPORTRAIT , SELBSTPORTRAIT , ZICKZACK und DIAGONAL , PATINA … FÜR ZEITGENOSSEN : Wer ist Wortführer ? Wer ist am Wort ?
Zugerichtet , zugeschnitten , einmoderiert . Jedenfalls : Auf Sendung . Die Autorin als akustischer Akkumulator von Attribut und Projektion . Weil ihr – abwesende Körper – ein weiblicher ist ?
- Montage “Ansagen” ( 2:34 )
- Moderation “Radio-Apparat” ( 1:40 )
Hören und Sprechen, Fragen und Antwort , Sprechen und Hören .
Einatmen – Ausatmen .
Das Radio als grosser Stoffwechsel zwischen dem Diesseits und dem Jenseits des Lautsprechers , dem Drinnen und dem Draussen . Die Autorin IM ABSEITS hält sich hin , lässt sich her- halten und erhält als Gegenwert die Sendung .
Ausbezahlt , ausgestrahlt .
Das Medium als Maschine , die ihre Energie aus den Worten und Werken zieht : Ziel ist die rundgefunkte Wirkung . Breiten- Wirkung auf Wellen- Längen ? – Immerhin : Ein Hörensagen . Nische , Sparte oder Quote .
Wie laut und wie leise , wie lange oder kurz : Dies liegt nicht ihrer Macht . Die Schriftstellerin tippt in die Tasten , artikuliert sich aufs laufende Band , darf aber nicht in die Regler greifen . DIE sind in ANDEREN Händen .
Immerhin – kann sie sich hinter der spanischen Wand des bildlosen Mediums ducken : Jenseits des tele- visionären Augenscheins bleibt das Radio das diskretere Medium . Die Grenzen der Sprache sind die Grenzen unseres Senders : Selten ist sogar ein Schweigen , eine Entsagung in Echtzeit beredt . Sonst tritt der Moderator dem Horror Vacui mit Rede- Wendungen entgegen .
- Montage “Radio-Apparat” ( 3:49 )
- Moderation “Sprache-Musik” ( 0:36 )
Wer am Wort ist , hat das Sagen : Wo aber endet die Literatur und wo beginnt es , das Leben ?
Was Kunst , was Auskunft ist , was Fakt , was Kommentar : Alles Sprache . Wer nicht hören will , muss sprechen – oder darf “Musik spielen” : Eine Melodie sagt bekanntlich mehr als tausend Worte .
Das Radio als Kunde , das Radio als Verkündigung : Es kann Quelle sein der Inspirationen oder Senke für Produktionen .
- Montage “Sprache-Musik” ( 2:46 )
- Moderation “Bild-Röhren” ( 0:39 )
Aber sie tut ja noch mehr , die Autorin . Böse Mädchen kommen in den Himmel .
Sie fischt trügerische Bilder aus dem Trog der Fernsehkanäle und spiesst sie auf sprachliche Spitzen . Da schreien die Bilder . Da jammert die Sprache . Da krümmt sich die Syntax . Da wimmert der Sinn .
Angstlust auf allen Sendern . Sirenenklänge : Sie singen Verführung , aber verletzen .
Einatmen – Ausatmen . Da hört auch das Radio gerne ein bisschen bei pochendem Pegel mit .
- Montage “Bild-Röhren” ( 5:53 )
- Moderation “Mama Mozart Messiaen” ( 0:42 )
Der Hörkanal führt nach innen . Wie andere Körperlöcher . Wie der Mund . Wie das Geschlecht . Noch tiefer aber geht die Erinnerung . Und das Radio fragt nach . Gibt sich verständnisvoll , therapeutisch , leidet mit . Spult mit der Autorin das Band zurück : Bis an den Gelbfilm des Ursprungs .
Werk , Sex , Leben : Ein einziger Text . Einatmen – Ausatmen .
Sprechzimmer gehen auf Sendung . Kein Beichtgeheimnis . Aus dem Lautsprecher perlen die bitteren Tränen der Klavierspielerin .
- Montage “Mama Mozart Messiaen” ( 6:37 )
- Moderation “Das Linke Wort” ( 0:38 )
Auch das Radio hatte mal Ideale . Wollte die Stummen sprechend machen und die Verblendeten sehend . Jeder sein eigener Sender ? – Gott behüt’ : Der Rundfunk hat doch nach rechts und links Rück- und Vor-Sichten zu nehmen !
Wie gut , dass es die Autorin gibt : Ihr Lebenstext , Textleben versöhnt aufs Schönste Kulturbürgertum und ’68 . Der Redakteur , der Hörer : Mit roten Ohren lauschen sie : dem Subjekt , Objekt und Projekt einer Aufklärung .
- Montage “Das Linke Wort” ( 3:10 )
- Moderation “Der Preis” ( 0:48 )
Einatmen – Ausatmen .
Gottes Mühlen mahlen langsam . Lohnt sich die Mühe aber letzten Endes doch : Nach Dreieinhalb Jahrzehnten gepflegten Gegen- Sprech- Verkehrs ist das Sanctus zu verkünden .
Siegesmeldung , Sondersendung , Programmänderung . Exklusivgespräch , Botenbericht von der Front :
Der Rundfunk strahlt in der ganzen Pracht eines starken Paktes zwischen dem weiblichen und dem technischen Medium . Die Autorin IM ABSEITS diktiert ihre Message . Für einmal ist es jetzt SIE , die die Regel bestimmt und über die Regler .
Ausnahmezustand .
- Montage “Der Preis” ( 1:42 )
- Moderation “Nachspiele” ( 0:17 )
Gesagt hat sie dies , die Autorin , im Jahr 1994 : zehn Jahre vor der Auffahrt zum Parnass .
Also Ende gut , alles gut ? – Absage ! –
” … man wird ja noch fragen dürfen .”
- Montage “Nachspiele” ( 1:35 )
EINATMEN – AUSATMEN : ELFRIEDE JELINEK IN FIGUREN DER RADIOPHONIE
IV. RECHTE
Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte vorbehalten . Copyright © dieser Ausgabe 2007 bei Christiane Zintzen c / o Edition Prasens bzw. @ www.zintzen.org , Wien . Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte vorbehalten . – Kein Abdruck – Kein Verleih – Keine unerlaubte Vervielfältigung , Aufführung , Sendung ohne Rücksprache mit Christiane Zintzen .
Rechteinhaber , die nicht ermittelt werden konnten und einen Rechtsanspruch nachweisen können , werden gebeten , sich beim Verlag zu melden .
- DVD und Text veröffentlicht in : Elfriede Jelinek : “Ich will kein Theater” . Mediale Überschreitungen , hg. von Pia Janke & Team . Mit einer DVD , Praesens, Wien 2007 ( = Diskurse . Kontexte . Impulse . Publikationen des Elfriede Jelinek Forschungszentrums , 3 ) [ Partitur S. 479 - 487 ]








