Christiane Zintzen: «gast im kopfhaus» .
Die Wiener Poetin Elfriede Gerstl sammelt mehr als Wörter.
NZZ, 23. 11. 1999 . Nachdruck in : Elfriede Gerstl, hg. v. Konstanze Fliedl u. Christa Gürtler. Graz 2002 (=Dossier 18), S. 75-79
Die 1932 in Wien geborene Autorin Elfriede Gerstl wird im November gleich doppelt geehrt: Mit dem Georg Trakl-Preis für Lyrik und dem Erich Fried-Preis der Internationalen Erich Fried-Gesellschaft für Sprache und Literatur nimmt die österreichische Hochkultur erstmals ein prononciert modernes Lebenswerk zur Kenntnis, das über vier Jahrzehnte im literarischen Underground zwischen Wien und Berlin, zwischen Wiener Gruppe und Wittgenstein entstanden ist. Ein Wiener Umgang mit der gande petite dame der österreichischen Avantgarde.
Judengasse, Hoher Markt, Tuchlauben: Hier schmeckt die Wiener Luft nach Donaukanal und atmet nach Nordosten, hier franst die feine Innenstadt ins alte Textilviertel und zur Leopoldstadt hin aus. Quer durch die mondäne Geschäftigkeit der Grosstadt im Jetzt und im Hier zieht sich noch immer sichtbar eine denkwürdige Achse, die vom “Hitlerbalkon” der Neuen Burg am Heldenplatz den Kohlmarkt entlang und am Demel vorbei über die Tuchlauben führt, den Hohen Markt überquert, die Marc-Aurelstraße zum Morzinplatz hin abfällt: Von hier aus ist es nur ein Sprung vom ehemaligen Standort des zum Gestapo-Hauptquartier umgewidmeten Hotel Métropole über den Kanal zur Leopoldstadt, dem traditionellen – von den Wienern salopp “Mazzes-Insel” genannten - jüdischen Quartier.
Kurz bevor “die Tuchlauben” so richtig schnieke mit Designerboutiquen und Messing-Glas-Edelcafés prunkt, wartet ein Kaffeehaus, das die Schübe der Modernisierungen in aller Ruhe überdauert. Ein Damenregime von Mutter und Töchtern wacht mit der Grazie selbstbewusster Herbheit über Kunstlederkanapees, Resopaltische, Fifties-Spiegel und Imbissvitrine. Für Gardeobe keine Haftung. Hastdunichtgesehn und wie ein Hauch fast steht sie schon hinter mir, die poetessa, la Gerstl, oder, wie Wiener wissen, die Elfriede: Fragil und ein wenig fahrig, Trippelschritte im Trench, die Pullmannmütze schwarz (comme il faut) – “einen kleinen Mokka, bitte, und ein Wasser”. Seidenschal sowieso. “Wir haben die Zeitung extra für Sie aufgehoben, Frau Gerstl”, nähert sich die Chefin mit Kaffee und Blatt, auf dessen Titelseite ein Photo der Verleihung des Georg-Trakl-Preises für Lyrik in Salzburg Anfang November zeigt: “Das ist zu komisch, sehen Sie”, lacht die Dichterin und knistert das Blatt herüber. Und siehe: Zarte Dame, krausgelockt, Lippenfarbe klassisch rot. Als schwarze Balkenrahmen links und rechts je eine wuchtig-eckige Politikerschulter: Keine Köpfe, nur Verleihung. “Warum aber alle Preisgelder und Ehren auf einmal, warum konnte man mir das nicht in kleinen Bissen über die Jahre geben? Kleine Portiönchen hätte mir mehr geholfen.”
Die kleinen Portionen sind Spezialität der nun 66jährigen Dichterin, die nach bald vier Jahrzehnten poetischer Arbeit auf ein schmales, aber konzentriertes Oeuvre kommt: Vieles, was in den sechziger und siebziger Jahren in Klein- und Autorenverlagen erschienen ist, ist längst verschollen, vergriffen, verschwunden. Der in Heimrad Bäckers Edition neue texte erschienene experimentelle Roman Spielräume ist glücklich in den Hafen des Droschl-Verlags eingelaufen, die unvergessene wiener mischung harrt hoffentlicher Neuausgabe. Lange vermisste und neue Texte sind eben bei Deuticke erschienen: Alle Tage Gedichte – kleine, feine Gebilde aus Denk- und Sprachfundstücken über Welt- und Ichverfassung: “die welt ist alles / was denn was denn / die welt ist alles / was der abfall was der einfall”.
“Zahlen bitte.” Charmant mit Schal und Schirm. “Gehen wir doch noch ein Sprünglein hinüber”. Hinüber in die Kleeblattgasse: katzenkopfgepflasterer Durchschlupf am Rande der noblen City, stiller Winkel zwischen dräuenden Barockhäusern. Urgestein, wo noch viele Maler, Schreiber und Lebenskünstler nisten.
Rundherum, rundherum und noch einmal rundherum kämpft sich die zarte Person beharrlich über drei Stockwerke treppan. Jetzt. Jeden Tag. Stets. Als notorisch – wie sie es nennt – “um die Wege” Gehende bewältigt sie diese Beschwerlichkeit täglich und nächtlich ohne Klagen und Zagen: Keine Lesung, bei welcher sie nicht noch “vorbeischaut”, keine Vernissage, wo sie nicht noch “kurz Freunde trifft”, kein neues Lokal im Rayon, das nicht sofort in Augenschein genommen wird: “Es ist ja sooo viel los”, seufzt die passionierte Stadtbenützerin, die ihr zuletzt erschienenes Kinderbuch nicht zufällig die fliegende frieda betitelt hat. Also “springt” sie auch nachts noch “auf ein Achterl” hinunter und “saust” sonst auf Tandelwegen durch die ganze Stadt. Denn: Die Poetin sammelt mehr als Wörter. Kaum hält die Wimper, was das Auge sieht in ihren eineinhalb Zimmern, die “eingerichtet” zu nennen vermessen wäre: Depot und Lebensraum, Lesereich und Basislager, Wunderwelt und Sammelsurium, staunenswerter Stauraum sprechender Objekte.
Elfriede Gerstl sammelt, was der Sachen sind und waren, sie sammelt Moden und Masken, Materialien und Marotten, Modernes und Morbides. Les mots et les choses. “Ich habe ja kein Geld gehabt, mir etwas Neues zu kaufen. Beim Tandler konnte ich mir plötzlich Seidenblusen um 10 oder 20 Schilling kaufen – soviel, wie damals ein kleiner Kaffee gekostet hat, das war so 1972, 1973.” Elfriede lacht, mit der Weinflasche hantierend, “ein Ächtelchen” wird es wohl doch sein dürfen. Viel Zeit bleibt eh’ nicht mehr für’s Plaudern über Leben und Lesen, über Dichten, Darben oder – frei nach Ernst von Feuchtersleben – über die Diätetik der Seele: Gleich wird sie sich wieder, wie sie sagt, “in ein Taxi werfen”, um das Stübchen nahe dem Naschmarkt zu heizen, wo sie jeden Samstagmittag inmitten ihrer Modewaren “ordiniert”.
So kennen viele “die Elfriede” als kundige Sachwalterin einstmals modischer Plissees, knistender Seiden und schräger Galanterien. Wer weiss heute noch, wie Knöpfelgamaschen anzulegen, Kleppermäntel zu pflegen und Hutfedern zu drapieren wären? Exercises de style. Dass sich mehr und mehr schrille Kunst-Stoffe aus den Siebziger Jahren hierher verlieren und von modisch Mutigen unter grossem Halloh anverleibt werden, ist ebenso neu, wie der Dichterin Anleihen aus dem Jugendjargon: Alltagssprache und ihr Wandel ist ein Lieblingsthema der inzwischen zweifachen Grossmutter, die an den Mythen des Alltags ihrer Kids lebhaften Anteil nimmt. Das Interesse an Subkulturen als Lebensentwürfe und Regelsysteme ist das nämliche geblieben: Der als Wiener Gruppe legendäre Kreis um Friedrich Achleitner, H. C. Artmann, Konrad Bayer, Gerhard Rühm und Oswald Wiener funktionierte in den späten fünfziger Jahren nicht wesentlich anders als die Übertrumpfungsspiele künstlerischer Avantgarden in den Sechzigern oder die “Wohngemeinschaften” im Berlin der Siebziger: “Es ist ja nicht so, dass es in einer Alternativkultur nicht auch strenge Regeln gibt. genauso wie in der Studentenbewegung oder in den programmatisch strukturierten WGs, in denen man nicht mal seine Bücher oder seine Kleidung behalten durfte: Wenn man darauf bestanden hat, sie zu behalten, galt man gleich als besitz- oder analfixiert.” Aus der Einsicht, daß gerade auch die Bohème die Befolgung rigider “Verhaltensregeln” und “Redegwohnheiten” von ihren Adepten einfordert, wurde die Schriftstellerin zur praktischen Systemtheoretikerin, die die von Nikolaus Luhmanns beschriebenen komplexen Regelkreise in den Cafés und Beiseln, Galerien und Bars alltäglich und allabendlich erneut studiert.
Als Ausweg aus der Aporie, die Spielregeln solcher Zirkel zu beherrschen, ohne sich ihnen auszuliefern, hat Elfriede Gerstl den Kunstgriff der offensiven Defensive gewählt: Fühlte sie sich früher neben den Lauten, den Grossen, den Männern stets als “ein geduldeter Gast: unberühmt, arm, als Frau”, so streift sie heute betont unstet durch diverse “Szenen” und “Dörfer” der Stadt: Oft kaum den Mantel, allenfalls den sprichwörtlichen Hut abnehmend, hat sie das Gast-Sein, Besucher-Sein zur Lebenskunst erhoben: “entweder gast im gasthaus / oder gast im kopfhaus”. Was die “Autorin des Dennoch” (Andreas Okopenko) heute als kluge Selbststilisierung kultiviert, wurzelt traumatisch im nationalsozialistsch eifernden Wien der dreissiger Jahre. Erst im jüngerer Zeit –”seit diesem schrecklichen Bedenkjahr 1988″ – erteilt die Autorin hie und da Auskunft über die erlittenen Enteignungen, über das monatelange Leben im Versteck, über die Demütigungen der sogenannten Wiedergutmachung nach dem Krieg: “Über manche Erlebnisse hab ich 20 oder 30 Jahre nicht sprechen wollen. Ich hab nicht einmal den Wunsch gehabt, es aufzuschreiben, ich wollte über meine Kindheit und über das versteckt Leben überhaupt nicht berichten.”
Entschlossen setzt sie ihr Glas auf die Tischplatte zwischen besorgniserregende Bücherhalden, närrischen Nippes und die Hermes Baby: Modelust und (so der Titel eines Buches) Kleiderflug kompensieren den einstmals verstohlenen Blick auf die Gleichaltrigen Draussen - und auf der Gewänder Dernier Cri. Lokalstreifzüge und Tandeltouren holen heute jene Wege nach, die die Versteck-Haft dem Kind einst verwehrt. Sammelnd rekonstruiert Elfriede Gerstl Enteignetes, dichtend wägt sie die Wörter, um die man sie beinah gebracht: “Ich hab auch schon oft den Rat gehört: Das doch bitte aufschreiben, weil da wäre mal eine Anne Frank, die nicht zu Tode gekommen ist, die das alles noch ganz gut erzählen kann.”
Unruhe, Blick auf die rote Kinderplasticarmbanduhr. “Ich möchte mich nicht so ausschliesslich mit diesen Erinnerungen beschäftigen. Ich möchte wirklich auch ganz gern etwas anderes erleben und erzählen dürfen.” Sagt’s, steht auf, pickt mit spitzen Fingern eine Favoritin aus der Brochen-Kollektion, wählt einen Seidenschal, ist abflugbereit: Sprung ins Kaffeehaus, Taxi zum Moden-Kontor, später Lesung zum Geburtstag einer Autorenkollegin: Alle Tage Gedichte - in der Tat - und noch längst nicht aller Tage Abend.
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