Lexikon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur,
hg. v. S. Cramer u. Th. Kraft, München 2003, S. 405 f.
Gerstl, Elfriede, wurde am 16. 6. 1932 in Wien als einzige Tochter jüdischer Eltern geboren. Sie überlebte die Kriegsjahre gemeinsam mit ihrer Mutter versteckt in wechselnden Wohnungen. Sie studierte einige Semester Medizin, anschließend Psychologie, erste Gedichte entstanden. Nach der Heirat mit dem Schriftsteller Gerald Bisinger (die Ehe wird 1968 geschieden) und der Geburt der Tochter Judith lebte sie als freie Schriftstellerin abwechselnd in Wien und Berlin, seit 1970 in Wien. Sie engagiert sich in der «gruppe literaturproduzenten» sowie als Gründungsmitglied der »Grazer Autorenversammlung« für literatur- und gesellschaftspolitische Anliegen. Mit dem Förderungspreis der Stadt Wien erfährt sie 1978 erstmals offizielle Anerkennung, wird 1985 mit dem Würdigungspreis des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst, 1990 mit dem Preis der Stadt Wien ausgezeichnet und nimmt im Jahr 1999 zwei hoch renommierte Ehrungen - den Georg Trakl-Preis und den Erich Fried-Preis - entgegen.
Durch ihr in modische Stilisierungen gehülltes Lebens-Kunst-Werk über Jahrzehnte in Wien bekannt, hat Elfriede Gerstl als eine der originellsten Schriftstellerinnen Österreichs späte offizielle Anerkennung erfahren. Die Autorin, welche sich seit den späten fünfziger Jahren als Gast« zunächst im Kreis um Hermann Hakel, im Umfeld der Galerie nächst St. Stephan, später der Autoren H. C. Artmann, Gerhard Rühm, Oswald Wiener und Konrad Bayer bewegte, wurde erst in ihrem siebenten Lebensjahrzehnt durch Preise, publizistische und germanistische Aufmerksamkeiten als genuine literarische Stimme gewürdigt (Dossier Elfriede Gerstl, 2001). Ihr poetisches Werk ankert im Wittgensteinschen Zweifel an der Sagbarkeit der Welt, reagiert auf die poetischen Verfahrensweisen der Wiener Gruppe allerdings mit produktiver Skepsis. Nicht zuletzt aus der realen Erfahrung, dass auch die maskulin dominierte »Bohème« für eine weibliche Künstlerin lediglich die Rolle der schweigenden Beisitzerin vorsieht (Unter einem Hut, 1993), hat die Dichterin in Leben und Werk ihre Schlüsse gezogen. Das zum Teil im Berlin Ende der sechziger Jahre entstandene Prosawerk spielräume integriert die Sprachspiele der Avantgarde, konkretisiert diese jedoch zur Reflexion der sozialen Konstruktion von Weiblichkeit. Im Sprach- und Planspiel um den Hohlkörper der weiblichen Zentralfigur Grit werden die der Frau gesellschaftlich zugewiesenen Diskurse, Masken und Rollen »in Schwebe gehalten« (Herbert J. Wimmer).
Nachdem die bei Rowohlt geplante Publikation der spielräume einer Personalrochade zum Opfer fiel, erschien sie - in immerhin zwei Auflagen - in österreichischen Kleinverlagen und fand entsprechend begrenzte Beachtung. In der Folge reflektierte Gerstl die Erfahrung der multiplen ökonomischen und sozialen Marginalisierung - als weibliche Künstlerin abseits der Trademarks von Gruppierungen und anerkannten Verlagen - in den gültigen Essays der Bände Narren und Funktionäre (1980) sowie Unter einem Hut (1993). Parallel zur diskursiven Reflexion setzte Gerstl ihre Befunde dichterisch um: Die in den achtziger und neunziger Jahren publizierten Gedichte realisieren das Moment der »Randständigkeit« formal in zunehmender Verknappung (darin der »Vernichtigung« Robert Walsers ähnelnd), entfernen sich inhaltlich mehr und mehr vom Arsenal der »theoriebissen« progressiver bzw. subkultureller Konventionen: Zunehmend treten Lebenswelt und Riten der Wiener (Künstler-) Zirkel in den Blick, stets jedoch aus der Perspektive eingeweihter Distanz das scheinbar Bekannte ins Kenntliche verfremdend (wiener mischung, 1982, neue wiener mischung, 2001).
Fern der Verklärung des Wienerischen, konturiert Gerstl die (sozialen) Topographien der Stadt unter der Voraussetzung der eigenen Nicht-Beheimatung (Alle Tage Gedichte, 1999). Erst in den späten achtziger Jahren hat Gerstl die in ihrem poetischen Werk gleichwie in ihrem Lebens-Kunst-Werk kurrenten Leitmotive autobiographisch erläutert. Sei es die notorische Unbehaustheit (ephemere Niederlassungen im Kaffeehaus), das Sammeln von Moden und Objekten (Kleiderflug, 1995) oder die Verweigerung des nicht nur kulinarisch Vorgesetzten: Sind diese Motive als »Kompensationen« der während des Krieges aufgezwungenen Nichtexistenz, Not und Depravierung erklärbar, konstituieren sie andererseits einen poetischen Kosmos, welcher - oft gebrochen durch Trivialmythen - in »präziser Fragmenthaftigkeit« (Elfriede Jelinek) den bekannten Pathosformeln enträt. Im Gegenteil können Elfriede Gerstls Selbstironie, ihre melancholische Heiterkeit der reflektierten Hypochondrie als wienerisch weibliche Gegenfigur zum »Stadtneurotiker« des drei Jahre jüngeren Woody Allen gelten.
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Christiane Zintzen
Werke: Gesellschaftsspiele mit mir, G., Linz 1962; Das Gästehaus, R., zus. m. P. Bichsel, W. Höllerer, K. Stiller, P. Heyer, H. Fichte, W. Simeret u.a., Bln. 1965; Mittellänge Minis, hg. v. W. Slezak, G., Bln. 1967; Berechtigte Fragen, Hsp., SDR 1970, gedr. Wien u. Mü. 1973; Gudrun. Die Geschichte und ihr Unterricht, Hsp., SDR 1970; Sätze mit Haus und Haut, Hsp., SWF 1973; Spielräume, Pr., Linz 1977, überarb. Neufssg. 1993; Narren und Funktionäre. Aufsätze zum Kulturbetrieb, Wien 1980; Beispiele zeitgenössischer Frauendarstellung in der Literatur, Anth., Hg., zus. m. Elfriede Czurda, Wien 1981 (= »Wespennest« Sonderheft 44); wiener mischung. texte aus vielen jahren, G. u. Pr., Linz 1982; Mein Wien, Film, WDR 1983; Literatur und Selbstmord, Anth., Hg., zus. m. Gustav Ernst, Wien 1985; eine frau ist eine frau ist eine frau…. Autorinnen über Autorinnen, Anth., Hg., Wien 1985; Vor der Ankunft. auf reisen entstandene gedichte, Wien 1986 (= »Freibord« Sonderdruck 11), erw. Neuaufl. Wien 1988 (= »Freibord« Sonderreihe 24); Unter einem Hut, Aufs. u. G., Wien 1993; Ablagerungen, Anth., Hg., zus. m. H. J. Wimmer, Linz 1989; Textflächen, Theaterst., UA Wien 1989; Kleiderflug. Texte - Textilien - Wohnen, Aufs. u. G., m. Fotos v. H. J. Wimmer, Wien 1995; die fliegende frieda. sechsundzwanzig geschichten, Kinderb., m. Illustr. v. A. Kaufmann, Wien 1998, Hsp., SWR 2000, Schpl., 2003; alle tage gedichte. schaustücke, hörstücke, Wien, Mü. 1999; neue wiener mischung, G.. u. Pr. , Graz 2001; Dossier Elfriede Gerstl, Anth., hg. v. Konstanze Fliedl u. Christa Gürtler, Graz 2001; Karten-Lese, ein Schachtelbuch, zus. m. H. J. Wimmer, Graz 2003.
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