NZZ, Phono, 7. 6. 2006
Erst der Irakkrieg hat mit der Formel vom «embedded journalism» dem distanzlosen Frontbericht einen Namen gegeben, erst der Irakkrieg hat allerdings den Erzähler als integrale Instanz ab- und aufgelöst in eine multimediale Flut von Reizen. Für ihr Theater-Diptychon «Bambiland» / «Babel» führt Elfriede Jelinek das televisuelle «Wartainment» zurück in ein ekles Sprechzimmer. Nachdem das Bühnen-Entrée von «Bambiland» zur Schlingensief’schen Zirzensik geriet, ist mit Karl Bruckmaiers Hörspiel die eigentliche Uraufführung anzuzeigen. Anders als sein Regie-Kollege ist Bruckmaier ein Purist. Mit stupender Texttreue folgt er Jelineks Sprach-Kaskade und exerziert diese – unter Beiziehung von vier Stimmen und minimalen musikalischen Breaks – zweidreiviertel Stunden lang durch. Indem er den Prosastrom halbatz-, oft gar: wortweise an vier Sprecher delegiert, komponiert Bruckmaier ein heilloses Kriegs-Oratorium. Während Marion Breckwoldt «die Frau» gibt (Allegorie des Medienkonsumenten) als Einsaugend-Verschlingende mit sado-maso -Touch, repräsentiert Lukas Resetarits im tiefsten Wiener Slang das Ressentiment «aus dem Bauch». llja Richter gibt den Talkmaster mit Hang zur Werbefläche, Helmut Stange skandiert jene Parts, die Aischylos’ «Persern» entlehnt sind – oder dies sein könnten. Satz für Satz, Strophe für Strophe geben die virtuos aufeinander eingespielten Stimmen in Takt, Fortführung und Reprise den Text als zügige Motette, somit eine perverse Paraphrase auf Monteverdis «Madrigale von Krieg und Liebe» intonierend. Die infantilen Interludien der absichtsvoll dilettantischen Kultband «FSK» tragen der Jelinek’schen Liebe zum Kalauer Rechnung. Dabei lenken sie auf vordergründig alberne Art ab von der Strenge, mit welcher Bruckmaier den Text der Orgelspielerin Elfriede Jelinek als Fuge inszeniert.
Elfriede Jelinek: Bambiland. Hörspiel, 3 CD (164 Min.), BR / intermedium 2006.















aktuellste kommentare