NZZ , 15. 1. 2005
czz - Die derzeit endemische Lust an der Liste gleicht in Manchem der erotischen Telephonie: Die Phantasie berauscht sich an Wörtern und verhütet dabei allzu intime Desillusionen. Was dem Gourmet das Rezeptbuch, ist dem Literaturfreund die Bibliographie, deren Auflistung von Titeln dem Volltext-Abstinenzler ein nominelles Wissen gewährt, dem lüsternen Leser indes eine Landkarte entrollt, nach welcher sich künftige Lektüre- Expeditionen planen lassen. Wie viel unbekanntes Textterrain selbst bei einer Autorin wie Elfriede Jelinek noch zu entdecken ist, erweist das voluminöse Werkverzeichnis, das die Germanistin Pia Janke vorlegt. Der 660-Seiten-Ziegel stellt nicht nur sämtliche Romane, Prosa- und Theaterstücke, Drehbücher, Hörspiele, Libretti und über 400 Essays mit Titel, Kurzbeschreibung und eventuellen Leseproben vor, sondern gibt darüber hinaus ein Panorama der weniger populären, oft entlegen publizierten Textgruppen. In ihren lyrischen Anfängen, musikalischen Kompositionen und der vielseitigen Übersetzungsarbeit (von Thomas Pynchons «Enden der Parabel» bis hin zur Komödienliteratur von Feydeau, Labiche und Wilde) ist eine radikal disziplinierte Textarbeiterin kennenzulernen. Weit weniger diszipliniert darf sich dahingegen die Lektüre dieses Catalogue Raisonné gebärden: Zahllose Hin- und Verweise auf Selbstaussagen, Interviews und Sekundärliteratur laden ein zum nichtlinearen «Surfen» durch die Materialfülle, welche sich solcherart mehr als Lust denn als Last präsentiert. À propos: Dem polymorphen Textaufkommen anlässlich der Verleihung des Literatur-Nobelpreises wird sich ein für das laufende Jahr angekündigter Folgeband widmen.
Pia Janke: Werkverzeichnis Elfriede Jelinek. Edition Präsens 2004, 660 S.















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