NZZ , 19. 1. 2005
czz – Nicht maulfaul treibt es der österreichische Meister irrwitziger Satzkaskaden, Gert Jonke, in seinem jüngsten Prosatext. Als “Redner rund um die Uhr” klagt ein im Sinne des Buchstabens Entmündigter dem Publikum sein Leid. Denn es hat sich der Mund dieses Sprechers selbständig gemacht hat und gegen denselben rebelliert: Statt weiterhin als auslautendes Organ der Sprecherabsichten zu fungieren, dreht der Mund den Spiess kurzerhand um und ent-spricht nur noch eigener Willkür.
Nach der für Jonke charakteristischen Poetik der Steigerung begnügt sich das immer losere Maulwerk nicht mit gelegentlichen Störmanövern der Wortverdrehung, sondern schwingt sich bald eigenmächtig zu Stammtischreden und politischer Populistik auf, handfesten Rufmord an seinem wehrlosen Wirtstier – dem eigentlichen Sprecher – betreibend. Was zunächst als Groteske anmutet, schreit bald als existentielles Drama zum Himmel, enthüllt sich dann als politische Parabel und läuft auf ein genuin poetisches Finale zu: Der Schauspieler Bernd Jeschek zieht nicht nur treffsicher alle diese Register und bewältigt die vertrackte Syntax mit Bravour, sondern er bringt auch das Kunststück zustande, als ein-mündiger Interpret die Entzweiung von Sprecher und Mundwerk virulent zu halten.
- Gert Jonke : Redner rund um die Uhr - Sprecher : Bernd Jeschek , 1 CD ( 59 Min.) , Preiser Records 2004
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