Gert Jonke : Kurzes Insektarisches Aviso

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kolik 7 , 1999

INSEKTARIUM | GERMANISTISCHES GRUPPENBILD MIT AUTOR | DROSCHL- DOSSIER | PRIMÄR : “ES SINGEN DIE STEINE”

INSEKTARIUM

czz – Nun, da Gert Jonkes Insektarium zur szenischen Ausschwärmung im Wiener Volkstheater steht, darf mit Nachdruck auf den neueren literatur-entomologischen Werkzeugkasten hingewiesen werden: reiches zoologisch-botanisches Instrumentarium und multiperspektivische Linsen zur Inspektion des Jonkeschen Mikrokosmos, geeignet für Anfänger und Fortgeschrittene zum erhellenden Gebrauch.

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GERMANISTISCHES GRUPPENBILD MIT AUTOR

Wo sich die Germanistik gerne als Kustodin literarhistorischer Natures Mortes geriert, scheut die Klagenfurter Germanistik nicht das Lebende Bild und stellt sich im Rahmen der Literatursymposien im 1997 eröffneten Musil- Haus der poetischen désinvolture real existierender Autoren ( Gert Jonke , Werner Kofler , Johannes Mario Simmel ) und es hat sich die sekundäre Rede nicht selten in Anwesenheit des Autors zu erproben. Womöglich liegt hier die Ursache für den erfreulich niedrig pegelnden hermeneutischen Voluntarismus, den die von Klaus Amann edierte Sammlung von Symposiumsbeiträgen zu Gert Jonke aufweist.

Doch auch der Autor selbst darf zu Wort kommen und sich in seiner ‘Musilhauseröffnungsrede’ an die Adresse der Germanisten- und Kritiker- Gewerbschaften wenden: Selten wurde so poetisch und graziös gegen die “Eindeutigkeitsidiotisten” zu Felde gezogen wie in Jonkes Klagenfurter “Wiesenpolemik” ( welche auch in den im März in der Alten Schmiede verlesenen insektarischen Reflexen angeklungen ist ).
Die literaturbetrieblichen Partisanen von “Leselustbarkeitseindeutigkeitsidiotismen” figurieren als

dilettantische Botaniker, die mit einem Grashalm herumfuchtelnd behaupten, dieser herumgefuchtelte Grashalm sei die einzige und eindeutige Antwort zur Auflösung eines schwer verständlichen Wiesenrätsels, und dabei ganz vergessen, daß sie von jeder Grashalm- und Blumensorte, die in dieser hypothetisch angenommenen Wiese wächst, mindest je einen Halm durch die Luft fuchteln müßten, um besagtes Wiesenrätsel wenigstens als halbwegs gelöst beantwortet behaupten zu dürfen.

Dass die Arbeit dieser “Literaturbotaniker” jedenfalls nicht notwendig dazu dient, das Vitale solcher Literaturwiesen niederzumähen und

dann anschliessend das getrocknete Gras in ihren Köpfen einzulagern wie in Scheunen hinterstirniger Tennen,

erweist der Klagenfurter Dokumentationsband, der unter dem an einem Diktum Urs Widmers inspirierten Titel Die Aufhebung der Schwerkraft. Zu Gert Jonkes Poesie bei Sonderzahl erschienen ist.

Literaturwissenschaftliche Fachbeiträge verschwistern sich hier erfreulich und lesenswert mit den Stimmen von Autorenkollegen: Mit Elfriede Jelinek äußert sich eine berufene Stimme zur Satz- und Textbewegung der Jonkeschen Prosa ( “Termitenwege” ), mit Werner Kofler ein Weggefährte des Aufbruchs aus der weiland Heimat- und Provinzliteratur:

Der Jonke ein Zotl, ich sowieso ein Zotl, so ein Zotl, so ein Zotl !, freilich auch von anderen Zotln auf Abwege gebracht, ich mehr, der Jonke weniger, solche Zotln, solche Zotln.

Wo Kofler derart Reverenz und Selbstreferenz amalgamiert, dort kreisen die meisten der sekundären Essays um die selbstreferenziellen Schlaufen des Jonkeschen Oeuvres: Herbert Gamper umreißt ein plausibles literaturgeschichtliches Framing ( zwischen Jean Paul und Thomas Bernhard ) und kann das neuerdings chic als “autopoietisch” bezeichnete Spiegelkabinett auf die früher so genannte “romantische Ironie” zurückführen. Auch die Amsterdamer Germanistin Andrea Kunne nimmt klug die russischen Puppen der in Gert Jonkes Prosa ineinandergestülpten Realitäten und Fiktionen auseinander, um über Magrittesche Muster zu Jacques Derridas poststrukturalistischer Sprachphilosophie zu gelangen.

Auf der Suche nach politischen Momenten der Jonkeschen Weltmodelle gelangt Georg Pichler zu den Residuen der Opposition, in den Vormärz und zur Maschinendramaturgie des Altwiener Volkstheaters führen Monika Meisters Erkundungen des Theaterwerks. Bei der Begehung der akustischen Räume im Werk Gert Jonkes stoßen Manfred Mixner, Arno Rußegger und Ulrich Schönherr auf des Poeten musikalische Präokkupation: Hier als Ursprung und Fluchtpunkt von Sprachgestikulation, dort als utopisches Moment innerhalb der ( Leit- ) Motiv-Choreographie.

Franz Schuhs Rede über das Hörspiel Hörfunken, Gert Jonke “und die österreichische Literatur” markiert die Grenzen literatur- botanischer Kategorisierungswut mit der bemerkenswerten Tautologie

Gert Jonke ist Gert Jonke.

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DROSCHL- DOSSIER

Nichts anderes behauptet auch der grundlegende Gert- Jonke- Materialienband, den Daniela Bartens und Paul Pechmann als Band 11 der verdienstvollen Dossier- Reihe im Droschl Literaturverlag herausgebracht haben. Eine Zusammenstellung von Rezensionen, die zwischen 1969 ( Geometrischer Heimatroman ) und 1990 ( Sanftwut oder Der Ohrenmaschinist ) zum Werk Gert Jonkes veröffentlicht wurden, erweist die Vielfalt – mitunter auch das Konjunkturelle – der Annäherungen: hie Autorenkollegen wie Gerald Bisinger, Hermann Burger, Peter Handke, Klaus Hoffer und Klaus Ramm, dort “Literaturbotaniker” wie Lothar Baier, Ulrich Greiner, Marianne Kesting, Gerhard Melzer, Wendelin Schmidt-Dengler und Karl Wagner.

Eine Reihe ausführlicherer Essays und Analysen stellt die Zentralmotive des Jonkeschen Oeuvres ( und auch der sekundären Rede ) wie Fiktionalität ( Thomas Rothschild, Bettina Rabelhofer ), Utopismus ( Herbert Gamper ), Musik und Hörspiel ( Arnulf Knafl, Manfred Mixner, Stefan Schwar ) vor. Eine im Rahmen des FWF-Forschungsprojekts Die internationale Rezeption der Grazer Gruppe erstellte Bibliographie verzeichnet enzyklopädisch die Schriften von und zu Gert Jonke bis 1996. Dass sich der Dichter im Gespräch mit Günther Eichberger nur sehr bedingt auskunftwillig zeigt, ist dem gediegenen Materialienband freilich nicht anzulasten.

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PRIMÄR : “ES SINGEN DIE STEINE”

Da mag man sich eher in jenes “Stück Naturtheater” begeben, welches – im vorigen Jahr zu Klagenfurt uraufgeführt – nun bei Residenz Jung & Jung erschienen ist: Es singen die Steine geriert sich als Endzeitgroteske einer aufständischen Natur, die “derart ihre Fassung verlor”, daß es eines aus dem ( Theater- ) Himmel “welteingeworfenen” Wildgruber bedarf, die Naturrevolution wo schon nicht zu besänftigen, doch wohl zu stunden. Wo das Ökodrama in einem voraussehbaren Argumentationsgewässer navigiert, erweist sich die Ideenflut als mitreißend und der Rückfluß autoreferenzieller Theater-im-Theater-Motivik als erregender Schwindel. Mit der Buch- und Lesefassung scheint dieses theatralische – an den Brüdern Grimm und Robert Walser inspirierte – Zaubermärchen indes seinen adäquaten Ort gefunden zu haben: Mag sich gar mancher Theatermaschinist von solch “fatamorganischem Theater” herausgefordert fühlen, lässt der grundsätzlich monologische Duktus die Bühneneignung des Stücks bezweifeln. Umso mehr ist Jonkes “seltsame Weltwortflut” dazu angetan, den stillen Leser zu beglücken -

wenn wir jetzt in den Augenschiffen unserer neuen Blickfelder auf den gefährlichen Wellen der lachenden Luft, getragen von den freundlichen Wogen der Lichtstrahlenbrandung mitten durch den Klanggewitterjubel der steigenden Mittagssonnenflut über das große Meer nach Hause treiben.

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