Deutsche Biographische Enzyklopädie / DBE,
Bd. 13, Supplement. München 2003 , S. 14f
Artmann, H(ans) C(arl), Schriftsteller, Lyriker, * 12. 6. 1921 Wien, † 4. 12. 2000 Wien.
Schon sein Geburtsort war poetische Legende: Die Mystifikation, er sei bei “St. Achatz am Walde” zu Welt gekommen, hielt sich hartnäckig neben A.s tatsächlicher Herkunft aus dem 14. Wiener Gemeindebezirk, wo er als Sohn eines Schusters aufwuchs. Der Vorstadt und ihrer symbolischen Entsprechung – dem Randständigen und Exzentrischen – blieb A. stets verpflichtet. Die Unabhängigkeit des in geographischen und in literarischen Peripherien weit Umherstreifenden war Fundament eines Erfindungsreichtums, welcher sich – gerade im Rückgriff auf bestehender Muster – in genuiner Originalität formulierte. War der junge Mann – nach Verwundung, Desertion und Gefangenschaft – eine markante Gestalt der Wiener Nachkriegsbohème, wurden ihm die 60er zu Wanderjahren zwischen Stockholm (1961), Berlin (1962, 1965, 1968), Lund bzw. Malmö (1963) und Graz (1966). Ab 1972 lebte er in Salzburg und Wien.
Als “dichtersmann” trat A. erstmals Ende der 40er Jahre in der Zeitschrift “Neue Wege” hervor, einem Forum junger Literatur. Mit Friedrich Achleitner, Konrad Bayer, Gerhard Rühm und Oswald Wiener traf er auf jene Autoren, mit welchen ihn während einer etwa zehnjährigen Zusammenarbeit nicht nur der Wille verband, an die internationale Moderne anzuschließen, sondern auch ein eminent von Ludwig Wittgenstein inspirierter Fokus auf das Sprachspiel. Mit spektakuläreren Happenings machte die so genannte “Wiener Gruppe” während der 50er Jahre ebenso von sich reden wie als Werkstatt experimenteller Poesie. Weniger an Theorie und konzeptueller Strenge orientiert als seine Freunde, beeinflussten A.s Affinität zum Surrealismus, zu entlegenen Sprachen und Literaturen nicht unbeträchtlich den Wirkungsgrad des Kreises. A.s Kontur als künstlerisches Individuum blieb dabei stets distinkt und setzt sich in seinem späteren Werk konsequent fort: von der Vorliebe für Barockdichtung (Von denen Husaren und anderen Seil-Tänzern, 1959) bis hin zur Erprobung poetischer Ausdrucksforme(l)n außereuropäischer Kulturen. Die Inspiration an fremden Sprachen und Mythen verwob sich mit seiner Übersetzungslust: Von den Übertragungen aus dem Keltischen, Jiddischen und Spanischen bezog der Dichter ein reiches Sprach-, Motiv- und Formenrepertoire, desgleichen von seinen Eindeutschungen italienischer und französischer Komödien. Carl von Linnés Lappländische Reise (1964) bot ihm ebenso Material für spätere Anverwandlungen wie H. P. Lovecrafts Phantastische Geschichten (1982) oder François Villons Baladn, die A. kongenial in Wiener Mundart übertrug (1968).
Als poetischer Jongleur spielte A. mit Versatzstücken vieler Zeiten und Räume, ging jedoch nie in jenen auf. Was Klaus Reichert als “Raster” und deren “Kontamination” beschrieben hat, umspannt A.s Adaptierung trivialer Genres wie Gruselgeschichte, Abenteuer- und Detektivroman. Sein (von H. K. Gruber vertonter) Prosatext dracula dracula (1966) wurde nachgerade populär, desgleichen die von Moritaten und Menschenfressern bevölkerten Kinderreime des Bandes allerleirausch (1978). Im Drama – etwa der drastischen Kaffeehaus-Farce Erlaubent, Schas, sehr heiß bitte (UA 1984) – transponierte A. die Traditionen des Wiener Volkstheaters auf originäre Weise.
Die österreichische Literatur verdankt A. jenen produktiven Kontaktschluss zwischen Volkssprache und avanciertem Kunstwollen, welcher den breiten Wiener Dialekt von der Beschaulichkeit Weinheberscher Mundart löste, um die depressiv-bösartigen Brusttöne frei zu setzen. Insbesondere A.s Dialektgedichte med ana schwoazzn dintn (1958) wurde zum – unerwarteten – Publikumserfolg: Das mit seinen makabren Poemen legendäre Büchlein bot panoptische Projektionsflächen für ein “anderes” Wien.
Entscheidend für das Verständnis von A.s Lebenswerk und Werkleben, seine changierenden persönlichen und poetischen Posen, bleibt die 1953 formulierte acht-punkte-proklamation des poetischen actes, welcher zufolge “man dichter sein kann, ohne auch irgendjemals ein wort geschrieben oder gesprochen zu haben”. Unter der Prämisse einer Aufhebung der Grenzen zwischen Literatur und Leben war A.s Dichtung nie “l’art pour l’art”, sondern ein Projekt moderner Universalpoesie. Mit dem Georg-Büchner-Preis wurde 1997 ein labyrinthisches Lebenswerk honoriert, dessen komplexe Konturen mit den in jüngster Zeit veranstalten Sammelausgaben zu Tage treten. – Seit dem Jahr 2004 und dem Ankauf des literarischen Nachlasses vergibt die Stadt Wien zweijährlich einen nach dem Dichter benannten Preis “für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der Lyrik”.
- Christiane Zintzen
WEITERE WERKE: Gesammelte Prosa, 4 Bde. Hrsg. v. Klaus Reichert. Salzburg 1997. – Sämtliche Gedichte. Hrsg. v. Klaus Reichert. Salzburg 2003. – die fahrt zur insel nantucket. theater. Neuwied 1969. – Wiener Vorstadtballade. Mit Fotografien v. Franz Hubmann. Salzburg 1991. – die zerstörung einer schneiderpuppe. poetisches theater. München 1992. – 5 Stücke von Goldoni. Salzburg 2001. – Auf Todt & Leben. Eine barocke Blütenlese. Hrsg. v. Klaus G. Renner. Zürich 2003. – Im Schatten der Burenwurst. Skizzen aus Wien. Wien 2003. – Ich brauch einen neuen Wintermantel etz. Briefe an Herbert Wochinz. Hrsg. v. Alois Brandstetter. Salzburg 2005. – der herr norrrdwind. ein opernlibretto. St. Pölten 2005.
LITERATUR: Über H. C. A. Hrsg. v. Gerald Bisinger. Frankfurt / M. 1972. – Die Wiener Gruppe. Hrsg. v. Gerhard Rühm. Reinbek ²1985. – H. C. A. Hrsg. v. Gerhard Fuchs u. Rüdiger Wischenbart. Graz 1992 (= Dossier 3). – Michael Bauer: Verzeichnis der Schriften H. C. A.s v. 1950 bis 1996. Wien 1997 (= Minimundus 7 ). – Die Wiener Gruppe. Ein Moment der Moderne 1954-1960. Katalog z. österr. Ausst. d. Biennale Venedig 1997. Hrsg. v. Peter Weibel. Wien 1997. – Kurt Hofmann: ich bin abenteurer und nicht dichter. Wien 2001. – Lars Brandt: H. C. A. Ein Gespräch. Salzburg 2001. – Wieland Schmied: H. C. A. Erinnerungen u. Essays. Aachen 2001. – Emily Artmann, Katharina Copony: der wackelatlas. sammeln und jagen m. H. C. A. Filmportrait. ORF 2001. – Sonja Kaar, Kristian Millecker u. Alexandra Millner: Donauweibchen, Dracula und Pocahontas. H. C. A.s Mythenspiele. Wien 2003. – Sonja Kaar: H. C. A. Texte und Materialien zum dramatischen Werk. Wien 2004. – Karl Riha: H. C. A. In: KLG.







