herbert j. wimmers “ambivalenz roman” DAS OFFENE SCHLOSS

Christiane Zintzen , NZZ , 8 . 4 . 1999

“keineswegs ein leck- astheniker“ ist der österreichische Prosaist Herbert J. Wimmer, der nach einem runden Jahrzehnt konsequenter Text- Experimente nun ein opus magnum vorlegt, dessen Titel “das offene schloss“ rapide Dialektik und schweifende Bezüglichkeit signalisiert. Das avantgardistische Ethos des sogenannten “ambivalenz romans“ zielt auf das Kenntlichmachen von Konstruktion und Struktur der sprachlichen Mitteilung – wobei nach bester Wiener Schule “Kenntnis“ und “Erkenntnis“ sich miteinander nicht zufällig verschwistern.

Wimmers radikales Planspiel formuliert sich bereits in der Vorentscheidung, siebenundsiebzig Prosa- Diptychen zu je zwei mal siebenundsiebzig Druckzeilen als Fläche von Textfeldern einzurichten. Durchgängige Kleinschreibung und interpunktionslose Satzbänder besorgen schon formal die Verbannung der Verbraucherfreundlichkeit aus diesem Textgelände, welches als polyloge Auto-Biopsie der Hirnwelt eines nach-postmodernen Stadtneurotikers gelesen werden könnte.

Wimmers assoziative Satz- Sequenzen agglutinieren sich um Themen wie Autoren- Existenz und Verlagspolitik, Diätetik und Stoffwechsel, Ökonomie und Ökologie, Soziologie und Psychologie, Neurologie und Computertechnologie, “filozoffie“ und Popkultur.

Bemerkenswert dabei ist der doppelte Kursus, mit welchem sich jeder der siebenundsiebzig Texte seines Gegenstandes auf zwiefältige Weise – einmal essayistisch und einmal erzählerisch – annimmt: Wo die Kohärenz des Sagens zwischen abstrakter Reflexion und konkreter Abschilderung “auf remis gestellt“ wird, verwirklicht sich jene Ambivalenz, welche palindromatisch als “zambivalen“, “enzambi val“, “al enzambiv“ und “lenz ambiva“ wiederkehrt.

Das lustvolle Wort- und Sprachspiel versorgt den Leser nicht nur mit witziger Wegzehrung, sondern enttarnt gleichzeitig den medial vermittelten Jargon als wahren Wahnsinn moderner Kultur- und Bewusstseins- Industrien. Berieselt und umspült vom “talkschauer“, erscheint der notorisch antiquierte Mensch in seiner “mono-loge“ so recht als Mängelwesen im Technowunderland. Das literarische Strukturexperiment gestaltet sich als Schauplatz von Terror und Spiel, wobei die real praktizierte Ironie im Textverlauf das Pathos des künstlerischen Anspruchs erfreulich abzufedern vermag. Wimmers strukturelles Prokrustesbett ist dort im besten Sinne unkomfortabel, wo es die Sinne des Lesers rehabilitiert und schärft zur Wahrnehmung textueller Strukturen: Eine unzeitgemässe Alternative zum literarischen Lotterbett zeitgenössischer Verbraucherprosa.

Herbert J. Wimmer: das offene schloss . ambivalenz roman . Mit einem Nachwort von Burkhart Schmidt . Sonderzahl 1998 , 336 S.

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