NZZ, 6. 7. 2007

czz - Die Schriftstellerin Elfriede Jelinek hat – formal betrachtet - nie wirklich in dem Nest «Österreich» gesessen, das zu beschmutzen die Prügelpresse der Autorin gerne vorhielt. Mochte die linksfeministisch agitierende Rowohlt-Autorin mit Domina-Image manch männliche Angstlust und weibliche Nachahmungstäterin inspirieren, so geschah dies weitgehend ausserliterarisch anhand eines «Typus», einer «Figur», wie man sie im - immer noch theatralischen - Österreich liebt. Mit der zu Zeiten ausgerufenen Aufregung über die undankbare «Staatskünstlerin» übertönte das offizielle Österreich das nur karg förderliche Interesse von öffentlich-rechtlicher Seite. Nicht nur publiziert die Autorin seit jeher bei deutschen Verlagen, sondern vermochte sie ihr Überleben über zwei Jahrzehnte hinweg fast ausschliesslich durch ARD-Hörspiele zu sichern. Da sich das rot-weiss-rote Radio mehr personen- denn sachorientiert gab, verhält sich die Anzahl der literarischen Produktionen indirekt proportional zu der Anzahl der Interviews und Homestories. Zum 60. Geburtstag der Autorin lanciert der ORF zwei CD-Editionen, die vornehmlich mit Stimm- und Gesprächs- Portrait aus vier Jahrzehnten glänzen. Erstmals ist dort – allerdings nicht eher als 2006 eingespielt – eine Lesung aus dem 1995 erschienenen Riesenroman «Die Kinder der Toten» zu hören. Im Übrigen lauschen wir einer Selbstdarstellungskünstlerin, die – freigebig «intime» Gespräche gewährend – das Image der «Klavierspielerin» in Thema und Variation kultiviert. Erstaunlichstes Tondokument ist das Portrait des «hoffnungsvollen Talentes» anno 1968: Das junge Mädchen, von einem Jungredakteur mit gönnerhafter Geste beim Orgelspiel präsentiert, gibt sich kaltschnäuzig, radikal und altklug. Die Tangenten zwischen dieser «Urszene» und den Fluchtpunkten des Weltruhms verlaufen geradelienig: Von schmissigen Slogans zum Geschlechterkampf bis zum geschliffenen Studio-Ping-Pong über den «Jelinek-Hype» anlässlich des Nobelpreises und dem für das Pop-Format flott formulierten Rückblick auf traumatische Teenagertage.

Elfriede Jelinek kocht Kaffee. Interview mit Elisabeth Scharang. 1 CD (79 Min.), FM 4 / ORF 2006
Elfriede Jelinek. Portraits, Gespräche, Lesung. Edition Radio Literatur, 2 CDs (113 Min.), Ö1 / ORF 2006

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